Der neue Direktor des Charles-Knie-Zirkus ist ein Quereinsteiger / Premiere am kommenden Freitag

„Zirkus und nichts anderes“

Bereits drei Tage vor der Vorstellung ist das Vorausteam des Zirkus Charles Knie in Uelzen. Der Trupp schlägt Messmarken ein, markiert den Boden und schlägt „Anker“ (Heringe) in den Boden. Etwa 200 Stück werden gebraucht, um das 16 Meter hohe Zelt mit seinen 1440 Plätzen aufzustellen. Im Vordergrund Zirkusdirektor Sascha Melnjak, im Hintergrund der technische Betriebsleiter Sandro Miletti und sein Sohn, Zeltmeister Giordano Miletti, bei der Arbeit auf dem Albrecht-Thaer-Gelände. Foto: Hasse

Uelzen. Der Zirkus Charles Knie wird ab dem kommenden Freitag für drei Tage in Uelzen zu Gast sein. Vorstellungen sind freitags und sonnabends um 16 und 19. 30 Uhr auf dem Albrecht-Thaer-Gelände, am Sonntag um 11 und 16 Uhr.

Derzeit beginnen die Schausteller mit den Planungen für die Show, die ersten Pflöcke für das Zirkuszelt sind in den Boden gerammt. AZ-Redakteur Kai Hasse hat mit Zirkusdirektor Sascha Melnjak gesprochen.

Herr Melnjak, Zirkusdirektoren sind in ihren 50ern, haben einen Bauch so groß wie eine Pauke und einen Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart. Das stimmt bei Ihnen alles nicht...

Ja, ich bin 37 Jahre alt und sozusagen ein Quereinsteiger. Ich komme nicht aus einer Zirkusfamilie. Aber ich habe mir einen Kindheitstraum erfüllt und vor fünf Jahren den Zirkus Charles Knie übernommen. Mit sechs Jahren habe ich zum ersten Mal einen Zirkus besucht. Da wusste ich: Zirkus und nichts anderes!

Dann haben Sie zwischen sechs Jahren und Ihrer Übernahme des Zirkus 24 Jahre Zeit gehabt. Verblasst da so ein Wunsch nicht? Irgendwann akzeptieren die meisten Jungs doch beim Erwachsenwerden, dass sie nicht Astronaut oder berühmter Schriftsteller werden. Und dann lassen sie es.

Ja, dazwischen waren dann noch Abitur, Ausbildung zum Außenhandelskaufmann und Arbeit in mehreren Unternehmen. Aber die Idee mit dem Zirkus war immer präsent. Aber es ist schon anders, als man es sich als Junge vorstellt. Es ist keine Glitzerwelt, sondern ein hartes Geschäft. Und als Direktor gibt es viel Verwaltungsarbeit und Rechnungen, durch die man sich durchwälzen muss.

Verblasst dann die Faszination für den Zirkus, nach fünf Jahren Realität?

Nein, ich denke immer noch: Ja, das ist es! Auch wenn es hart ist und man eigentlich kaum Freizeit hat und keine Wochenenden. Es ist ja umgekehrt, während andere Wochenende haben, arbeiten wir umso mehr. Und es gibt viele lange Tage und natürlich mal Ärger. Aber wenn man es mit Idealismus macht, dann lohnt es sich. Und ich finde Zirkus immer noch toll. Ich bewundere das Geschäft, hier wirken Nationen zusammen, man improvisiert viel, arbeitet viel zusammen. An nur einem Platz zu leben, in nur einem Geschäft, das wäre jetzt wirklich schwer.

Was machen Sie im Winter?

Wir haben erst kürzlich ein Winterquartier gekauft, im niedersächsischen Einbeck. Der Zirkus Barum hat es verkauft. Dort waren alle Voraussetzungen gegeben, die wir brauchen. Aber auch im Winter müssen wir schauen, dass Geld reinkommt. Wir haben zum Beispiel zwei Weihnachtszirkuspräsentationen, wie in Heilbronn. Die laufen bis zum 6. Januar. Die Tiere sind im Europapark. Eigentlich haben wir auch nach Saisonabschluss immer zu tun.

Sie sagten, es sei ein hartes Geschäft. Warum?

Zum einen ist das, die Tourneen zu planen. Wir sind eine kleine Stadt auf Rädern, die sich, wo sie hinkommt, die Orte immer neu erobern muss. Das gilt für die Erschließung, Elektrizität, Wasser, Heu und Stroh für die Tiere. Dazu kommt die ganze Logistik mit vielen Fahrzeugen, Werkstatt, TÜV. Das müssen Sie sich immer wieder neu erarbeiten und organisieren. Zum anderen muss man auch die Menschen dazu bewegen, in den Zirkus zu gehen. Man muss die Menschen bewerben, und das ist mit ein paar Plakaten, wie vielleicht vor 20 Jahren, nicht getan.

Hat die Schaustellerei denn noch eine Zukunft?

Ich denke schon. Naturlich ist es schwerer geworden, das hat vielleicht mit einer gewissen Trägheit zu tun, die mit dem Fernsehen und dem Computer kommt. Deshalb müssen wir gute Qualität zu erschwinglichen Preisen bieten, um die Leute dazu zu bewegen, sich aus ihren Sofas zu erheben.

Aber wenn sie es machen, dann ist die Begeisterung groß. Denn wenn man gemeinsam etwas unternimmt, kommt das Zwischenmenschliche, das man mit Facebook und Fernsehen nicht hat, mehr zum Zuge. Zirkus ist das Theater des Volkes, und ich persönlich fände es schade, wenn das aufhört.

Zirkusse stehen ja oft in der Kritik. Tierschützer bemängeln, dass die Tiere nicht artgerecht und auf viel zu kleinem Raum gehalten werden. Was sagen Sie dazu?

Das ist eine ganz kleine Minderheit, die zum Teil auch unwahre Behauptungen aufstellt. Die sind gut organisiert, haben aber meist keine Ahnung, wie die Tierhaltung im Zirkus abläuft. Ich selbst würde nicht wollen, dass sich Tiere bei uns nicht wohlfühlen. Bei uns haben alle Tiere eine Bezugsperson, wir haben acht Tierlehrer, die sich 24 Stunden am Tag um sie kümmern. Natürlich können wir den Tieren keine Savanne bieten. Aber sie bekommen eine sehr gute Versorgung. Tiere werden bei uns auch älter als in freier Wildbahn, gerade die Elefanten. Zudem sind Zirkusse die am meisten kontrollierten Betriebe mit Tierhaltung. Freitag werden wir Premiere haben, und dann wird sicher auch das Veterinäramt kommen. Deren Berichte werden auch von einem Veterinäramt zum nächsten weitergegeben, sodass immer verfolgbar ist, wo es Mängel gibt.

Alle Zirkusleute sind Artisten, denkt man immer. Könnten ihr Leute, wenn man sie fragt, alle einen Handstand?

Klar, viele können das, ich kann’s aber nicht. Wir haben 96 Mitarbeiter, und 38 davon sind in der Show selbst. Artisten haben eine Art Grundausbildung, können also neben ihrem Spezialgebiet auch die anderen artistischen Bereiche recht gut. Meist sind das Leute, die im Zirkus groß geworden sind. Wer für die Artistik nicht soviel Talent hat, wird dann Clown oder Tierpfleger. Hinter den Kulissen arbeiten fast 60 Leute. Darunter gibt es die Verwaltung, eine Schneiderin, Kassenpersonal und vieles mehr. Wir sind eine Stadt mit vielen kleinen Abteilungen.

Was macht jetzt eigentlich Charles Knie, der Gründer, nachdem Sie übernommen haben?

Er ist nach Australien gegangen und hat jetzt einen kleinen Zoo und ein Café an der Goldküste, einer sehr bekannten Touristenstraße. Damit hat er sich auch einen Kindheitstraum erfüllt.

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