Kreis zieht Notbremse: Ankunft für heute abgesagt

Zerreißprobe für Helfer: Flüchtlingszug neun Stunden später in Uelzen

Uelzen. 400 Flüchtlinge in einem Zug – darunter 100 Kinder. Gestartet sind sie in Salzburg, das Ziel ist Uelzen. Die Fahrt dauert schließlich neun Stunden länger als geplant. Mehr als 22 Stunden müssen die Menschen in dem Zug zubringen.

Erst gegen 21 Uhr gestern Abend, bei Dunkelheit, erreichen sie die Uhlenköperstadt, wo wieder Busse bereitstehen, um sie zu Erstaufnahmezentren zu bringen. Während bei früheren Ankünften von Sonderzügen in den vergangenen Tagen viele Flüchtlinge nicht in diese Busse einsteigen, sondern auf eigene Faust weiter wollten, steuern gestern die Menschen zielgerichtet auf die Fahrzeuge zu.

„Sie sie sind müde. Wir haben ihnen gesagt, dass sie in feste Unterkünfte kommen und sie schlafen können“, sagt Mehmedt Ali Akgül. „Das hat sie beruhigt.“ Er ist einer der vier verbliebenen Dolmetscher, die gestern Abend am Bahnhof das Gespräch mit den Flüchtlingen suchen. Es waren ursprünglich vielmehr Dolmetscher. Aber sie sind gegangen, noch bevor der Zug eintraf. Denn der gestrige Tag war für die Ehrenamtlichen eine Zerreißprobe. Schon am Morgen stehen viele am Bahnhof, und warten auf die Einfahrt des Zuges, die für 10 Uhr angekündigt ist. Sie hören dutzende Meldungen zu Verspätungen.

Um gewappnet für die nun fast täglich ankommenden Flüchtlingszüge zu sein, haben Stadt und Landkreis inzwischen einen festen Koordinierungsstab gebildet, der nach einer Zugankündigung durch das niedersächsische Innenministerium zusammentritt, um Vorbereitungen für die Ankunft der Flüchtlinge zu treffen. Das Kind hat auch einen Namen: Taskforce für Flüchtlinge.

Dem Koordinierungsstab gehören jeweils ein Vertreter der Stadt und des Landkreises Uelzen sowie des Deutschen Roten Kreuzes, der Feuerwehren sowie der Bundes- und Landespolizei an. Verantwortlich für die Taskforce ist der Landkreis. Zu organisieren sind ausreichend Helfer für die Betreuung am Uelzener Hundertwasser-Bahnhof. „Es geht auch darum, schnell reagieren zu können“, formuliert Kreissprecher Martin Theine. Gestern sieht sich die Taskforce mit vielen Problemen konfrontiert.

Erstens: Es gibt medizinische Notfälle im Zug. Wie Wiebke Hennig, Pressesprecherin der Polizeidirektion Lüneburg auf AZ-Anfrage bestätigt, bestand bei einer fünf Köpfe zählenden Familie der Verdacht auf eine Infektion mit der Hautkrankheit Krätze. „Für eine medizinische Untersuchung wurde der Zug in Würzburg für drei Stunden gestoppt“, so Hennig. Für die Weiterfahrt wurde die Familie in einem eigenem Abteil untergebracht. In Uelzen verlässt sie dann zusammen mit Angehörigen ihres Clans zuerst den Zug und wird in einem gesonderten Bus nach Lüchow zur Behandlung gefahren. Etwa 20 Personen steigen in diesen Bus ein.

Zweitens: Ein Schaden an der Lokomotive bringt eine weitere Verzögerung. Mit einer nochmaligen Verspätung von zwei Stunden fährt der Zug von Göttingen mit kurzem Halt in Hannover nach Uelzen. In der Landeshauptstadt steigt noch ein arabisch sprechender Zugbegleiter ein. Denn in Uelzen ist zu diesem Zeitpunkt völlig unklar, ob überhaupt noch ein Dolmetscher am Bahnhof sein wird, wenn der Zug eintrifft. Auch neue Busse werden geordert, weil Busfahrer ihre Fahrzeiten einhalten müssen.

Uwe Liestmann reißt gestern schließlich die sprichwörtliche Notbremse. Eigentlich sollte ein weiterer Zug mit Flüchtlingen auch heute wieder Uelzen erreichen. „Wir haben gesagt, dass das nicht möglich ist. Die Ehrenamtlichen brauchen eine Pause“, so Liestmann gestern Abend. Das Innenministerium habe dem Landkreis mitgeteilt, dass man sich daran halten werde.

Von Norman Reuter

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