Zeitungen als Heft-Ersatz...

Ach ja, das war doch...: Monika Tegtmeyer, Margarete Peukert und Heidemarie Niehus beim Klassentreffen nach mehr als 60 Jahren. Fotos: Kamin

Uelzen. Der große Zeiger der Wanduhr hat die volle Stunde bereits seit 10 Minuten passiert als der erste Gongschlag ertönt: "Der hängt irgendwie immer ein bisschen hinterher", erklärt die 89-Jährige Margarete Peukert kurz. Aber das ist gerade ganz egal. Es gibt Wichtigeres zu tun. Denn die ehemalige Lehrerin, die 1980 pensioniert wurde und bis dahin unzähligen Uelzenern das Lesen und Schreiben beigebracht hatte, hat Besuch. Und zwar von Monika Tegtmeyer und Heidemarie Niehus.

Die beiden Frauen waren in der ersten Klasse, die Peukert, damals noch als Fräulein Röver, 1948 in der Volksschule Uelzen an der Taubenstraße übernommen hatte. Durch die AZ-Klassenfoto-Aktion war der Kontakt zwischen den drei Frauen wieder aufgenommen worden. Nun sitzen die drei in Peukerts Wohnzimmer und versuchen die Namen der anderen Schüler auf dem Klassenbild zusammenzubekommen, reden über den Klassenausflug in den Hamburger Hafen oder die Sinnsprüche, die Peukert in die Poesiealben der damals jungen Mädchen schrieb."Das hätte ich wirklich nicht gedacht, dass ich das nochmal erlebe", sagt die noch immer energische 89-Jährige mit leuchtenden Augen. Noch immer erinnert sich Peukert, die aus Schwerin zu ihrer Familie nach Uelzen geflüchtet war, gerne an ihre erste Klasse in Uelzen zurück: "Viele haben mich nach Erscheinen des Bildes gefragt, wie denn das überhaupt ging, mit so vielen Kindern in der Klasse. Ganz tadellos ging das. Die Kinder haben mit ganz viel Freude und sehr diszipliniert mitgearbeitet – vielleicht weil sie sich nach den Bombennächten und Wirren des Krieges nach Normalität sehnten." So seien auch die großen Klassen mit um die 50 Kindern, viele davon Flüchtlingskinder, kein Problem gewesen. Auch der große Einsatz der damaligen Mütter, deren Männer oft im Krieg geblieben waren, nötigt Peukert noch heute Respekt ab: "Die Kinder waren alle gut erzogen und trotz der allgemeinen Notlage immer ordentlich gekleidet und Löcher in der Hose wurden schnell geflickt." So hätten sich die Kinder auf dem Klassenfoto nicht extra schick gemacht, sondern seien spontan in ihrer täglichen Kleidung aus dem Unterricht geholt worden. Vor allem muss ich hier auch noch mal die damaligen Mütter loben, von denen sehr viele nach dem Krieg ja ganz ohne Mann allein zu Hause waren.Die ersten Nachkriegsjahre in der Volksschule an der Taubenstraße waren dennoch geprägt von großer Not. Es gab zu wenig Klassenräume, was auch daran lag, dass neben der Volksschule nur noch das Gymnasium an der Schillerstraße für den Unterricht zur Verfügung stand, da die ehemalige Mittelschule als Lazarett genutzt wurde. Auch schulhefte waren Mangelware, erinnern sich die drei Frauen: "Wir haben auf den unbedruckten Rändern von Zeitungen geschrieben um die Buchstaben zu lernen."Dennoch bedeutete gerade die Schule für Lehrer und Schüler auch Sicherheit: "In der Schule war es wenigstens warm, nicht so wie bei uns zu Hause," erinnert sich Peukert. Außerdem hätte auch die Schulspeisung durch die Alliierten in den ersten Nachkriegsjahren die Familien der Schüler spürbar entlastet."Ich bin wirklich gerne Lehrerin gewesen", sagt Peukert schließlich, die die Kinder in ihren Klassen immer noch als auch ein bisschen "ihre" Kinder ansieht. Auch die vielen vielen Klassentreffen nach der Entlassung ihrer Klassen habe sie immer gern besucht. Mit Blick auf die Zustände an heutigen Schulen steht für die 89-Jährige aber eines felsenfest: "Heute würde ich keine Lehrerin mehr sein wollen."Aber auch das wird plötzlich wieder zur Nebensache als Monika Tegtmeyer ihr Zeugnisheft herausholt und der große Zeiger der Uhr vom Gong verfolgt noch einige Runden drehen wird, bis das kleine Klassentreffen nach mehr als 60 Jahren zu Ende geht.

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