Die Zeichnung einer Flucht

Wie ein kleiner Junge Uelzener Bundespolizisten im Einsatzstress berührt

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Das Meer, eine Straße, auf der ein Lastwagen fährt – dieses Bild seiner Flucht malte ein kleiner syrischer Junge. Der Uelzener Polizist zeichnete auf seine Bitte die deutsche Flagge daneben.

Uelzen/Rosenheim. Es ist diese eine Szene in einem schier unendlichen Strom von Flüchtlingen, in den tausenden von Eindrücken, die seit einer Woche auf die Uelzener Bundespolizisten bei ihrem Einsatz in Rosenheim einprasseln.

„Plötzlich war da dieser kleine syrische Junge, der auf mich zugelaufen ist“, schildert Hundertschaftsführer Bodo Pesarra.

Ankunft mit Baby auf dem Bahnhof in Rosenheim: Polizeiobermeister Steve Kleinert erklärt einer Flüchtlingsfamilie die weitere Vorgehensweise.

In der Hand hält das etwa acht Jahre alte Kind ein Bild, das es selbst gemalt hat – eine Zeichnung seiner Flucht. Zu sehen ist das Meer, eine Straße mit einem Lkw und die syrische Flagge. „Dann hat er immer wieder ,Alemania‘ gesagt, er wollte, dass ich die deutsche Flagge daneben male“, schildert der Uelzener Hauptkommissar. Pesarra ergänzt die Zeichnung, macht noch schnell mit dem Handy ein Foto von der Zeichnung – dann ist der Junge wieder in der Menge der Flüchtlinge verschwunden. Die kurze Begegnung in der völlig überfüllten Rosenheimer Turnhalle habe ihn berührt, gibt der Hundertschaftsführer, der auf fast 37 Dienstjahre blicken kann, unumwunden zu. Und Erlebnisse wie diese sind es, die den nunmehr seit einer Woche andauernden Einsatz für die rund 100 Uelzener Bundespolizisten so beispiellos machen.

Während gestern Meldungen von tausenden Flüchtlingen kursierten, die in überfüllten Zügen in Bayern ankommen, während in Ungarn der Hauptbahnhof geschlossen werden muss und man im Wiener Westbahnhof vor den Menschenmassen nahezu kapituliert, bekommen die Uelzener Einsatzkräfte diese „Völkerwanderung“ hautnah in Rosenheim mit.

Dort sollen die Bundespolizisten eigentlich die aus Ungarn und Österreich eintreffenden Züge kontrollieren. „Einige schaffen wir noch, aber die meisten müssen wir weiter nach München durchlassen und informieren dann die dortigen Kollegen“, schildert Pesarra. Die Rosenheimer Turnhalle, in der sie täglich hunderte Flüchtlinge erfassen, platzt längst aus allen Nähten. Der Arbeitstag für die Einsatzkräfte besteht nur noch aus Arbeiten und Schlafen. Die saubere Kleidung ist längst aufgebraucht, „wir improvisieren, indem wir die Klamotten im Waschbecken reinigen“, schildert Pesarra.

Eigentlich sollte es für die Uelzener heute nach Hause gehen, doch die Ablösung ist anderswo gebunden. So gibt es jetzt eine Verlängerung bis Freitag. Dann soll die Heimfahrt zum Hainberg angetreten werden und ein erneuter Aufschub sei auch nicht zumutbar, betont der Hundertschaftsführer: „Irgendwann müssen die Kollegen das alles hier verarbeiten.“ Und so wird wohl mancher auch am ersten freien Wochenende nach langer Zeit kein Auge zutun...

Von Thomas Mitzlaff

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