Wunsch nach Sicherheit und Respekt

Seyed Ali Kashfi lebt nach seiner Flucht aus dem Iran in Uelzen

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Seit drei Wochen hat Seyed Ali Kashfi alias „Simon“ aus dem Iran eine eigene Wohnung. Eingelebt hat er sich dort noch nicht, so fehlen ihm unter anderem Tisch und Stühle.

Uelzen. Es ist seine erste eigene Wohnung seit mehr als sechs Jahren. Vor drei Wochen ist „Simon“ aus der Flüchtlingsunterkunft am Uelzener Fischerhof in eine kleine Wohnung gezogen. Er schläft auf dem Boden, Tisch und Stühle besitzt er noch nicht.

Nichts lässt darauf schließen, dass der 32-jährige Iraner bereits als erfolgreicher Manager einer großen Schiffsfirma in Dubai gearbeitet und zwei Hochschulabschlüsse hat. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in seinem Heimatland und in den USA – dort bekommt er, der eigentlich Seyed Ali Kashfi heißt, auch den Spitznamen „Simon“. „Gutes Haus, gutes Geld – mein Leben war gut, alles war schön“, blickt Simon zurück. „Und dann. . . und dann. . . und dann“, setzt der junge Mann mehrfach an, um die Geschichte zu erzählen, die 2009 sein Leben komplett verändern soll.

Als er in Dubai lebt, kommten zwei seiner Freunde auf die Idee, eine Firma im Bereich Netzwerk-Marketing zu gründen. Simon entschließt sich, in den Iran zurückzukehren und mit in die Firma einzusteigen. „Bei dem Projekt ging es nicht nur um Geld“, sagt Simon. „Das Business war nur unsere Vitrine.“ Hinter den Kulissen findet Verbotenes statt: Simon und seine Mitstreiter setzen sich für freies Denken, für freie Meinungsäußerung ein. „Im Iran kann man nicht laut denken. Die islamische Regierung zwingt die Leute, das zu tun, was sie will“, kritisiert Simon. Über Religion oder Sex zu reden, ist im Iran verboten, Frauen müssen Kopftuch tragen. „Viele Menschen sind dagegen“, weiß Simon. Und so wächst das Netzwerk schnell – innerhalb eines Jahres auf 1200 Mitglieder. 400 Büros hat die Firma. Als Simon erfährt, dass sie verraten worden sind, ist es bereits zu spät: 200 bis 300 Mann von Polizei und Militär verhaften die Systemkritiker, Simon wird mit verbundenen Augen in ein Gefängnis gebracht.

Verhört und gefoltert

Dort wird er tagelang entweder verhört oder mit einer Hand an der Wand gefesselt und aufrecht stehend mit Nahrungsentzug und verschiedenen Geräuschen gefoltert: Aufnahmen von Demos und Schreien waren dabei, erinnert sich Simon. Ein Glas Wasser, zwei Würfel Zucker und eine Scheibe Brot bekommt er am Tag. Der Vorwurf: Vorbereitung einer kulturellen Revolution. Simon hat Angst, zu Tode verurteilt zu werden. Nach etwa zwei Wochen bringen ihn Sicherheitskräfte in sein Elternhaus, um sein Hab und Gut zu holen. Ausgemergelt und „total kaputt“ sieht er seine Eltern wieder. Was in diesem Moment keiner von ihnen ahnt: Es wird das letzte Mal sein, dass sie sich sehen.

10 000 Dollar für die Flucht

In dieser Situation trifft Simon „die schwierigste Entscheidung meines Lebens.“ Durch eine Katzenklappe gelangt er trotz Handfessel aus dem Haus und kann zu seiner Tante fliehen. Sechs Monate bleibt er dort, geht aus Angst, entdeckt zu werden, nur nachts aus dem Haus. „Ich hatte wirklich Angst, dass mich noch mal jemand verrät.“ Mithilfe eines Freundes versteckt er sich wiederum ein halbes Jahr in einer Hütte in der Wüste. „Dann habe ich endlich einen vertrauenswürdigen Schleuser gefunden“, schildert Simon. Der braucht zwei Monate, um ihm falsche Papiere zu besorgen, Beamte am Flughafen zu bestechen und die Flucht nach Deutschland zu organisieren.

10 000 Dollar nimmt er dafür, Simon nach 14 Monaten Versteckspiel aus dem Land zu bringen – Simons Freunde zahlen. „Meine erste Idee war Neuseeland,“ erklärt der 32-Jährige, „aber dafür braucht man 20 000 Dollar.“ Aus dem Iran fliegt Simon zunächst nach Malaysia, von dort nach Thailand, lebt dort fast ein Jahr, bevor es weiter geht. Von Thailand fliegt er über Malaysia, die Türkei und Spanien nach Deutschland. Doch angekommen ist er damals, im Februar 2012, noch lange nicht.

Die Flüchtlingsunterkunft am Uelzener Fischerhof wurde vor wenigen Wochen abgerissen.

Das Erstaufnahmelager in Neumünster ist überfüllt, er wird in das Lager in Braunschweig geschickt, wo er seinen ersten Deutschkurs macht. Von dort kommt er ins Bramscher Erstaufnahmelager, in dem 700 Menschen leben. Dort bekommt er einen Ein-Euro-Job als Elektriker – „das war besser als zu Hause zu bleiben.“ Es gibt keine Läden in der Nähe, nach 21 Uhr dürfen die Flüchtlinge das Haus nicht mehr verlassen. Nach sechs Monaten kommt er nach Uelzen, Fischerhof. „Das war schlimmer als alles andere“, meint Simon. Chaos, Dreck – 30 junge Männer, die sich zwar sprachlich, aber nicht unbedingt untereinander verstehen. Am Wochenende gibt es Schlägereien – eine Gruppe von drei bis vier Bewohnern, so erzählt es Simon, bedrohen die übrigen Flüchtlinge, stehlen ihr Essen. Simon selbst wird mit einem Fahrradschloss aus Eisen angegriffen und verletzt.

Nachdem sein Asylantrag bereits im vergangenen Oktober anerkannt wurde, ist er nun froh, dass die Zeit am Fischerhof zu Ende ist. „Man fühlt sich körperlich sicher, aber wegen der Gesellschaft unsicher“, erklärt er. „Niemand möchte sein Heimatland verlassen und wieder bei Null und ohne Respekt anfangen.“ Er hat bereits angefangen: Um anderen die Ankunft in Uelzen zu erleichtern, ist er seit zwei Jahren ein „Mittler für Sprache und Kultur“, macht jetzt ein Praktikum beim CJD und kümmert sich um Neuankömmlinge. Ab nächstem Semester möchte er an der Ostfalia Hochschule in Suderburg „Soziale Arbeit“ studieren. Doch auch ihn belasten seine eigenen Erlebnisse und das, was ihm die anderen Flüchtlinge erzählen. „Aber ich kann das auch nicht so einfach absagen. Die Leute hier brauchen mich. “

Von Sophie Borm

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