Gunther Schendel aus Uelzen über seine Eindrücke von einer Reise in die Ukraine (Teil III)

Ein Wunder hat begonnen...

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Neubau in der Vorstadt: die evangelisch-lutherische Himmelfahrts-Kirche in Charkiw.

Es gibt eine schöne Legende, warum der orthodoxe Glaube nach Kiew kam. Die Rus, dieses Volk mit skandinavischen Vorfahren, waren auf der Suche nach der passenden Religion. Alle priesen ihren Glauben an: die lateinischen Christen aus Rom, die Muslime, die Juden.

Die ersten beiden Teile verpasst? Hier gibt es die Möglichkeit zum nachlesen:
Teil 1: Europas "Naher Osten"
Teil 2: In der Heimat auf der Flucht

Wladimir, der Kiewer Großfürst, wollte keine Entscheidung ohne Informationen. Darum entsandte er seine Boten in alle Lande. Sie sollten sich die Gottesdienste anschauen und zuhause berichten.

Begeistert kamen die Boten aus Konstantinopel zurück und erzählten über einen Gottesdienst in der Hagia Sophia: „Wir wussten nicht: Waren wir im Himmel oder auf der Erde? Denn auf Erde gibt es einen solchen Anblick nicht oder eine solche Schönheit.“ Daraufhin entschied Wladimir sich für den orthodoxen Glauben und ließ sein Volk entsprechend taufen.

Gottesdienste „wie im Himmel“

Gottesdienst in der Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale.

Als wir die Tür in der Kiewer Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale aufziehen, riechen wir sofort den Weihrauch, hören den sonoren Gesang, der an- und abschwillt. Die Hauptkirche im altehrwürdigen Kiewer Höhlenkloster ist voll. In einer anderen Kapelle feiern die Mönche ihre Abendmesse; einer nach dem anderen tritt zum Heiligenbild, bekreuzigt sich, küsst es. Dann gehen sie zum Abt, um sich mit Salböl ein Kreuz auf die Stirn zeichnen zu lassen. Der Duft des Öls begleitet einen noch lange.

Orthodoxie: Aufschwung und Streit

Wie in Russland, so gab es auch in der Ukraine seit der Perestroika einen Aufschwung der Orthodoxie. Heute gehören mehr als 25 Prozent der Bevölkerung zu einer orthodoxen Gemeinde; die Orthodoxie stellt damit die größte Religionsgruppe in der Ukraine. Freilich ist die Orthodoxie längst keine einheitliche Größe. Traditionell gehören die Orthodoxen in der Ukraine zum Moskauer Patriarchat. Aber mit der Selbständigkeit der Ukraine waren immer auch kirchliche Unabhängigkeitsbestrebungen verbunden.

Ein orthodoxer Priester aus dem Ruhrgebiet

Heilige Handarbeit: Ikonenmalerin im Charkiwer Mariä-Schutz-Kloster.

Wie vergiftet das Verhältnis zwischen den orthodoxen Kirchen ist, spüren wir bei einem Besuch im Mariä-Schutz-Kloster mitten in Charkiw. Am Eingang zum großen Klosterkomplex begrüßt uns Fedor in perfektem Deutsch. Der junge Priester ist in der Ukraine geboren, aber in Essen aufgewachsen. Jetzt arbeitet er in einer Charkiwer Gemeinde. Er lädt uns in den Speisesaal des Klosters ein und erzählt über die Lage. Bald kommt die Rede auf den „Pseudopatriarchen“ in Kiew und seine „Pseudopriester“. Wir merken, wie tief der Stachel der Spaltung sitzt. Und diese Spaltung hat jetzt auch eine politische Dimension.

Während die Kiewer Kirche aufseiten des Maidan stand und nun den Kampf gegen die Separatisten unterstützt, befindet sich die nach Moskau ausgerichtete Kirche offensichtlich in der Defensive. Der junge Priester verwahrt sich dagegen, dass seine Kirche von ukrainischen Nationalisten als „Verräterkirche“ bezeichnet wird. Als ich direkt nachfrage, was er zu den Nachrichten über russische Soldaten in den „Volksrepubliken Donezk und Lugansk“ denkt, kommt eine zurückhaltende Antwort: „Die Wahrheit ist irgendwo in der Mitte. Meine Kirche ist für den Frieden!“

Szenenwechsel: Wir sind auf dem Weg zur deutschen lutherischen Gemeinde. Mühsam weichen wir Schlaglöchern und Pfützen aus, gehen eine windige Straße entlang, passieren Plattenbauten, bis wir das lutherische Gemeindezentrum in der Vorstadt erreichen.

Lutherische Gemeinde in der Vorstadt

Begegnung in Charkiw: Pastor Pawel Schwarz und leitende Mitglieder der deutschen lutherischen Gemeinde.

Pastor Schwarz stammt aus Polen, und die Gottesdienstsprache ist heute Russisch – beides ein Zeichen für den aktuellen Wandel der Gemeinde: „Viele, die Deutsch können, sind in den letzten Jahren nach Deutschland gegangen“, erläutert eine gebürtige Norddeutsche, die vor Jahrzehnten mit ihrem russischen Mann nach Charkiw zog. Auch hier ist die Situation im Osten ein Thema: Binnenflüchtlinge sind gekommen und wurden mit Medikamenten unterstützt – so gut es eben ging. Besorgt erzählen sie im kleinen Amtszimmer des Pfarrers von der „Welle von Nationalismus“, die im vorigen Jahr im umkämpften Slawjansk auch christliche Gemeinden traf. Für die Gemeindevertreter hier im Amtszimmer ist der Friede ein hohes, aber auch zerbrechliches Gut. Zum Abschied sagen sie: „Hier brauchen wir ein Wunder!“

Ein kleines Wunder auf dem Freiheitsplatz

Morgens auf dem Freiheitsplatz: das Friedensgebet Charkiwer Gemeinden.

„It’s a miracle“, sagt mir zwei Tage später eine Frau, als wir morgens um sieben Uhr auf dem Charkiwer Freiheitsplatz stehen. 40 Personen haben sich versammelt: Evangelische, Orthodoxe, Katholiken, auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde. An diesem Morgen sind sie zum Friedensgebet zusammengekommen. Jeder nimmt sich eine Styroporplatte und kniet sich darauf. Ich höre, wie die Frau für den Frieden, für die Stadt und für die Soldaten in der Waffenstillstandszone betet. Danach erzählt sie auf Englisch, dass es dieses Friedensgebet seit über einem Jahr gibt und wie alles begann: „Das war damals, als die Unruhen nach Charkiw überschwappten. Da haben sich einige aus den Gemeinden verabredet. Und vor Kurzem war auch der Rabbiner dabei, hat am Ende seiner Ansprache das ungesäuerte Matzenbrot herumgereicht.“ Ja, an diesem Morgen haben wir ein kleines Wunder miterlebt. Und ich kann nur wünschen, dass es weitergeht. [...]

Den vierten Teil finden Sie demnächst im E-Paper und in der Printausgabe der AZ.

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