Das Wort zum Sonntag

Ein dusseliger Unfall

In diesem Winter hatte es wieder kräftig geschneit. Auf dem Schulweg warteten wir in einem der Nachbardörfer auf den Anschlussbus. Dabei vertrieben wir uns die Wartezeit mit Schneebälle werfen. Auf dem Hof bei der Haltestelle stand ein Schneemann. Mannshoch.

Mit Kohlenaugen und Kohlenknöpfen, einer Rübennase und einem breiten Reisigzweiggrinsen. Auf dem großen Kugelkopf trug er einen Zylinderhut. „Wer würde den als Erster hinunterpfeffern?“ Ich war an der Reihe. Mein Schneeball war fest geknetet. Genau genommen war es ein Eisball. Ich holte aus, zielte und schleuderte die Kugel Richtung Zylinderhut. Das Geschoss sauste auf sein Ziel zu. Doch es machte nicht „plopp“. Der Zylinder saß immer noch fest auf dem Kopf des grinsenden Schneemanns. Dafür zerklirrte die Glasscheibe über der Tür zu einem Schuppen etwa fünf Meter hinter dem Schneemann. „Ach du Sch…!“ Das Zielschießen war jäh beendet. Der nahende Bus war die Rettung. Vorläufig! Am Nachmittag grinste der Schneemann vor der zerborstenen Scheibe immer noch wie am Vormittag. Er wusste genau, wer die Scheibe auf dem Gewissen hat. Die Kumpels hielten dicht. Aber: „Gab es sonst noch Zeugen?“, war meine bange Frage. Der nächste Tag an der Bushaltestelle wurde zur Qual. Der grinsende Schneemann. Die kaputte Scheibe. Und die übernächsten Tage und Wochen ebenso. Inzwischen war der Schneemann zu einem Haufen Schneematsch weggetaut. Jetzt verdeckte er nicht mehr die Folgen meines Fehlwurfs. Mein schlechtes Gewissen war leider nicht mit geschmolzen.

Dann geschah es! Es klingelte an der Haustür. Mein Vater machte auf. Ein kurzer Wortwechsel. „Mathias, komm doch mal her!“ Es war der Mann, dem der Schuppen gehörte. „Hast Du die Scheibe eingeworfen?“ Ich wollte im Boden versinken. Es gab nichts mehr zu verheimlichen. Mein glühendes Gesicht sagte deutlich „Ja“, bevor ich es aussprach. Als der Mann fort war, geschah das Unerwartete. Mein Vater rief nach mir und tröstete mich. Kein Schimpfen! Keine Backpfeife! Stattdessen nahm er mich in den Arm. „Junge, warum hast Du das denn nicht gleich gesagt? Das war doch ein Unfall. Zugegeben: ein dusseliger. Aber dafür haben wir eine Versicherung.“ Ich brauchte mich nicht mehr schämen. In diesem Moment fielen für mich Weihnachten und Ostern auf einen Tag. Gott sei Dank! Übrigens, im biblischen Spruch der kommenden Woche heißt es: Die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. (Johannes 1,17)

Mathias Dittmar ist Pastor in Suderburg.

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