Das Wort zum Sonntag

Rösselsprung

Als ich ein Kind war, brachte mir mein Großvater das Schachspiel bei. Er erklärte mir erst einmal, in welcher Weise sich die Figuren auf dem Schachbrett bewegen können. Kompliziert wurde es beim Springer.

„Der geht immer zwei Felder geradeaus und dann tritt er ein Feld zur Seite“, sagte mein Opa. „Das nennt man Rösselsprung!“ Ein Stück auf dem Weg gehen und sich dann an die Seite stellen. So erklärte mir mein Großvater das Verhalten des Springers beim Schachspiel.

Heute denke ich, manchmal sollten wir solch einen innerlichen Rösselsprung vollziehen. Wir nehmen uns die Zeit, ergreifen die Gelegenheit, und stellen uns neben den eigenen Lebensweg. Mal auszuscheren. Mal zur Besinnung kommen und schauen: Was ist? Wo stecke ich gerade?

Möglicherweise ist in diesen Tagen – zum Jahresbeginn – eine gute Gelegenheit für einen solchen „Reflexionsblick“. Manchmal kommen solche Besinnungsmomente ja auch von außen: durch einen Wechsel der persönlichen Lebensumstände, durch eine ernste Erkrankung, durch einen Verlust, einen schmerzvollen Abschied oder eine besondere Freude.

Sich selbst neben den eigenen Weg stellen! Solch ein „Rösselsprung“ kann Dinge und Zusammenhänge klären. Er kann Aufbrüche ermöglichen oder Mut zu einem Schlussstrich machen. Vielleicht entdecke ich, dass vor mir eine Weggabelung liegt, eine Entscheidung ansteht. Vielleicht wird mir klar, warum ich mich womöglich selbst verloren habe oder weshalb ehemals vertraute Menschen irgendwie auf der Strecke geblieben sind.

Sich die Zeit nehmen für ein inneres Betrachten ist hin und wieder notwendig, damit wir nicht im Hamsterrad des Lebens stumpf und stur vor uns hintrotten.

„Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit“, sagt schon der Psalmbeter in der Bibel. Um den richtigen Weg zu erkennen, müssen wir manchmal neben den Weg treten – wie beim Rösselsprung. Ich wünsche Ihnen und mir dafür hin und wieder Zeit und Gelegenheit. Und ich wünsche Ihnen ein von Gott gesegnetes Jahr 2014. Albert Wieblitz aus Wieren ist Landespastor für Ehrenamtliche in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers.

Von Albert Wieblitz

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