Immer mehr Politiker und Jäger fordern, den Bestand auch durch Abschuss zu regulieren

Wolfsjagd – nur eine Zeitfrage?

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Stimmen in der Politik und vor allem in der Jägerschaft und aus der Landwirtschaft fordern, die Anzahl der Wölfe zu begrenzen. So auch der Präsident der Niedersächsischen Jägerschaft Helmut Damman-Tamke.

Lüchow-Dannenberg. Acht Jahre ist es her, dass Jäger bei Gedelitz einen wildlebenden Wolf erschossen. Den ersten seit rund 100 Jahren in Niedersachsen. Damals war man sich einig: So etwas sollte nie wieder geschehen.

Schließlich stand und steht der Wolf unter strengem Schutz. „Wir wollen den Jägern klarmachen, dass wir künftig mit dem Wolf leben werden“, sagte damals Lüchow-Dannenbergs Kreisjägermeister Gebhard Schüssler. „Das können und wollen wir gar nicht verhindern. Denn der Wolf kehrt ja nur dahin zurück, wo sich ihm ein Lebensraum bietet. “ Heute, acht Jahre später, hat sich der Blick auf den Wolf geändert. Heute klänge es sicher anders, wenn der Kreisjägermeister über den Wolf sprechen würde. Doch er, der Ehrenbeamte, tut es lieber nicht. Das tun andere. Etwa Helmut Dammann-Tamke.

Wenn Dammann-Tamke etwas sagt, hat das Gewicht. Der studierte Landwirt aus dem Landkreis Stade ist Präsident der 50 000-köpfigen Niedersächsischen Landesjägerschaft, sitzt für die CDU im Landtag, ist ihr agrarpolitischer Sprecher. Und Dammann-Tamke warnt: Wenn die Prognosen, die von einem 30-prozentigen Wachstum der Wolfspopulation im Jahr ausgehen, stimmen, könnten in diesem Jahr in Deutschland bis zu 48 Wolfsrudel auf Jagd gehen – und 450 im Jahr 2025. 4500 Tiere würden dann Deutschland durchstreifen, blickte Dammann-Tamke vor den Mitgliedern der Lüchow-Dannenberg Jägerschaft in die Zukunft. Er habe „nicht die Fantasie, dass die Bevölkerung auf dem Land das akzeptieren“ werde. Daher sei für ihn klar, dass „gegengesteuert“ werden wird. „Jeder, der Verantwortungsgefühl hat, der es gut mit dem Wolf meint, muss akzeptieren, dass da etwas zu tun ist – um die Akzeptanz des Wolfes zu erhalten.“ Die Wölfe würden lernen, dass der Mensch keine Gefahr für sie ist, dass es auf den Weiden und Wiesen der Viehhalter leichte Beute zu machen gibt, glaubt Niedersachsens Jägerpräsident. Das Wort „Abschuss“ nimmt er nicht in den Mund an diesem Nachmittag in Lüchow. Doch es steht im Raum. Und Dammann-Tamke bekommt dafür Applaus.

Den bekommt auch Karin Bertholdes-Sandrock. Die CDU-Landtagsabgeordnete wird deutlicher als ihr Buxtehuder Kollege, als sie vor der Jägerschaft spricht: Von sogenannten Vergrämungsaktionen gegen den Wolf wie jüngst im Landkreis Lüneburg halte sie nichts, empfinde es als zynisch, wenn Grünen-Politiker behaupteten, dass es keinen Unterschied mache, ob ein Tier geschlachtet werde oder vom Wolf gerissen. „Ich sehe da schon einen Unterschied, ob sich ein Schaf nach einem Wolfsangriff in den Tod quält oder fachgerecht im Schlachtbetrieb getötet wird“, sagt Bertholdes-Sandrock. Wolfsrisse würden in Deutschland und Niedersachsen „verharmlost und sogar verleugnet“, monierte sie. Der Wolf suche die Nähe des Menschen, verliere die Scheu, und das könne in einer Kulturlandschaft wie Nordostniedersachsen nicht funktionieren. „Wolf hier ist etwas anderes als Wolf in Kanada“, stellte die Landtagsabgeordnete heraus. Daher müsse eine Ausnahmeregelung in den Artenschutz eingelassen werden – die es ermöglicht, die Zahl der Wölfe zu begrenzen, Tiere zu entnehmen. „Und Entnehmen heißt da auch schießen. Die Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht ist nur eine Frage der Zeit“, meint Bertholdes-Sandrock: „Die Rückkehr des Wolfes hat seinen Reiz. Aber nur, wenn sie kontrolliert stattfindet. Wenn man sie begrenzt“, so Bertholdes-Sandrock.

In Lüchow-Dannenbergs Kreisjägerschaft hält man sich bedeckt, wenn es um den Wolf geht. Wissend, dass jede Äußerung, die in Richtung einer Begrenzung der Wolfspopulation auf welchem Wege auch immer, zielt, einen wütenden Proteststurm entfachen würde. Oder Schlimmeres. Zu viele Freunde hat der Wolf in Lüchow-Dannenberg, zu groß ist der Unterstützerkreis, als dass sich jemand offen mit ihm anlegen möchte.

Nur eine kleine Anspielung erlaubte sich bei der Jahresmitgliederversammlung der Jägerschaft Kreisjägermeister Gebhard Schüssler: Seinen Streckenbericht hatte er mit einem Bild von einem Muffel-Widder illustriert, auf dem stand: „Ich muss gehen – der Wolf kommt.“

Von Rouven Groß

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