Von Woche zu Woche

Wolf: Was nicht sein darf

Der Wolf lässt keinen kalt. Sobald die AZ über einen neuen Vorfall berichtet, schnellen die Klicks auf az-online in die Höhe, Internetkommentare und Leserbriefe gehen ein. Die Meinungen sind genauso geteilt wie in der Redaktion.

Besorgte Stimmen sind zu hören wie solche, die eine angeblich reißerische Berichterstattung kritisieren.

Gerhard Sternitzke

Jüngster Anlass: Ein Bericht über zwei junge Leute, die bei Brockhöfe von sieben Wölfen eingekreist wurden. Anruf in der Redaktion: „Ich gehe jeden Tag mit meinem Hund in der Nähe spazieren. Ich bin noch nie einem Wolf begegnet.“– „Ich habe leider auch noch keinen gesehen.“– „Finden Sie es nicht komisch, dass die Betroffenen kein Foto gemacht haben?“– „Nein, sie fühlten sich bedroht.“– „Es gibt keinen Beweis.“– „Nur den Bericht der Mutter, die ihre Kinder mit dem Auto abgeholt hat.“– „Sind Sie nicht auf die Idee gekommen, dass sich die Frau mit der Geschichte wichtig macht?“– „Nein, ich habe ihr zwei Wochen hinterher telefoniert, bis sie bereit war zu erzählen, was war.“

Es gibt keinen Beweis – das ist jetzt oft zu hören. Von Menschen, die sich über die Rückkehr des Wildtiers freuen und hinter jedem Bericht die Jäger-Lobby wittern. Von einem Teil der Wolfsbeauftragten, die sich einem Ehrenkodex verpflichtet fühlen, neutral zu bleiben (Aber ist es neutral, besorgniserregende Situationen herunterzuspielen?). Vom Umweltministerium, dessen Sprecherin ganz gelassen bleibt: Der Vorgang werde im Rahmen des Wolfsmonitorings registriert und bearbeitet... Ein ganz normaler Verwaltungsvorgang eben.

Ist es unseriös, wenn die AZ über Vorfälle wie diesen berichtet? Es stimmt: Wir haben nur diesen Bericht einer Betroffenen. Wir waren nicht selbst dabei. Es gibt keinen Fotobeweis. Was hätte eine Handy-Aufnahme auch zeigen sollen? Zwei, drei Wölfe, wie sie schon auf zig Fotos zu sehen sind? Heißt dies, dass sich der Vorfall nicht ereignet hat? Mitnichten.

Kritik an der Berichterstattung ist legitim. Das muss eine Redaktion aushalten. Aber wenn die AZ einseitig berichtet hat, was heißt dann objektiv? Wäre es objektiv, die Begegnungen, bei denen Menschen sich bedroht fühlten, zu verschweigen, weil es für sie keinen letzten Beweis gibt? Das hieße, Erkenntnisse vor der Öffentlichkeit zu unterdrücken (so wie es die Landesregierung tut).

Es hieße, die vom Umweltministerium vorgegebene Überzeugung, dass Wölfe den Menschen stets meiden, höher zu stellen als die kritische Berichterstattung über das, was der offiziellen Sicht offensichtlich widerspricht. Es hieße, der Bevölkerung Ereignisse zu verheimlichen, die von einer Gefährdung sprechen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Von Gerhard Sternitzke

Rubriklistenbild: © Schmidt

Kommentare