Russische Kooperationspartner aus Orenburg sehen sich in Deutschland und im Landkreis Uelzen ernst genommen

„Wir kommen mit guten Gefühlen“

Zu dem Besuch des Hamburger Institut für Musiktherapie gehörte auch ein Grillabend bei Prof. Hans-Helmut Decker-Voigt (rechts).

Hamburg/Allenbostel. Dobro poschalowatsch! – Herzlich willkommen, hieß es in Hamburg und Allenbostel. Es war keine Premiere, denn schon öfter weilten Gäste aus Orenburg/Russland zu einem Studienaufenthalt hier.

Auch dieses Mal galt es, die seit 2007 bestehende Kooperation zwischen dem Hamburger Institut für Musiktherapie an der Hochschule für Musik und Theater einerseits und der Rostropowitsch-Hochschule für Kunst und Musik sowie dem Psychotherapeutischen Gebietszentrum Orenburg andererseits zu festigen. Für diese fruchtbare Zusammenarbeit steht auf deutscher Seite ganz besonders der Name von Professor Hans-Helmut Decker-Voigt, der für sein Tun zum Ehrenprofessor an der Orenburger Hochschule ernannt wurde.

Die Gäste, die die Grüße des Rektors der Rostropowitsch-Hochschule, Professor Boris Chartorin, im Gepäck hatten, äußerten sich außerordentlich herzlich und dankbar über die gemeinsame Arbeit. Am Rande eines privaten Nachmittags in Decker-Voigts Haus in Allenbostel gab es Gelegenheit für ein Interview mit Professor Sergej Babin, dem Leiter des Psychotherapeutischen Zentrums, und seiner Stellvertreterin Tatjana Schuwalowa. Tatjana Reznitskaja, Vertreterin der Rostropowitsch-Hochschule, leistete dabei Dolmetscherunterstützung.

AZ: Am Anfang eine geschichtliche Frage: Ihre Reise fällt zeitlich zusammen mit dem 71. Jahrstag des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Spielt dieses Datum in Ihrem Land noch eine Rolle, zumal man hört und liest, dass die Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges sehr allein gelassen werden im neuen Russland?

Schuwalowa: Für Russland ist und bleibt dieses Datum eines der wichtigsten und dramatischsten Ereignisse. Für die Menschen spielt dieser Tag, an dem sie wieder weinen, genauso eine Rolle wie der 9. Mai (Tag des Sieges, Anm. v. bk). Es gab keine Familie in Russland, die nicht betroffen war; und für die Kinder und Enkel geht es dabei nicht nur um bloße Geschichte, sondern um Familiengeschichte. Und ja, es ist ein Problem, dass die soziale Lage mancher Veteranen nicht gut ist.

AZ: Mit welchen Gefühlen reisen Sie persönlich nach Deutschland?

Prof. Babin: Mit sehr guten Gefühlen. Diese Reise jetzt ist eine berufliche und auch touristische, um das Land näher kennen zu lernen.

Schuwalowa: Ich bin das fünfte Mal in Deutschland und von der Gastfreundschaft herzlich angetan.

AZ: Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit Professor Decker-Voigt beschreiben?

Babin: Das Fachbuch „Aus der Seele gespielt“ wurde im Jahr 2003 auch in Russland bekannt. Seit 2007 gibt es eine Zusammenarbeit. Es glich einer Offenbarung, wie nahe wir in der Arbeit beieinander liegen; es ist also ein gegenseitiges Interesse, ein Geben und Nehmen.

AZ: Für wie wichtig halten Sie die Zusammenarbeit von Deutschen und Russen grundsätzlich?

Schuwalowa: Nach diesem letzten Zweijahresprojekt können wir sagen, dass diese Zusammenarbeit die Wichtigkeit von Zusammenarbeit allgemein unterstrichen hat. Ob nun politisch, beruflich oder menschlich – nur so können Menschen voneinander lernen und sich verstehen. Die menschliche Seite war übrigens die wichtigste Seite unserer Kooperation. Professor Decker-Voigt hat nicht von ungefähr die Auszeichnung des Ersten Ehrendoktors der Rostropowitsch-Hochschule für Kunst und Musik erhalten.

AZ: Welche konkreten Ergebnisse hat die Kooperation zwischen Ihnen und Herrn Decker-Voigt erbracht?

Babin: Als Ergebnis des Projektes arbeiten jetzt 20 zertifizierte Musiktherapeuten am Psychotherapeutischen Zentrum für das Orenburger Gebiet. Der Erwerb der theoretischen und praktischen Grundlagen kann eine Vorbildfunktion für ähnliche Bildungsmaßnahmen erfüllen. Das Lehrbuch von Prof. Decker-Voigt erlebte im Jahr 2008, übersetzt von Tatjana Reznitskaja, eine russische Auflage.

AZ: Sie haben unter anderem den Einsatz von Musiktherapie in der Klinik Hamburg-Eppendorf erlebt. Welchen Stellenwert besitzt diese Art der Behandlung bei Ihnen?

Schuwalowa: In den letzten 15 Jahren ist das Fachgebiet der Psychotherapie in Russland viel anerkannter geworden und hat sich westlichen Standards angenähert. Trotz einer mächtigen Pharmaindustrie wurde das für den Patienten günstigere Zusammenspiel von medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung wichtiger; inklusive der Musiktherapie.

AZ: Gestatten Sie noch eine geschichtliche Frage am Schluss: In Orenburg begann einst die Erdgastrasse „Druschba“ (Freundschaft) zwischen der Sowjetunion und den Ländern des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe). Viele junge Menschen aus der DDR haben daran mitgebaut; es gab also schon einmal eine deutsch-russische Zusammenarbeit. Gibt es in Ihrer Stadt daran eine Erinnerung und wenn ja, welche?

Babin: Die größten Zuschüsse für unsere Arbeit kommen immer noch aus dem Bereich dieser Industrie!

Schuwalowa: Jeder erinnert sich daran! An dieses Bauvorhaben, das ein Zeichen für Freundschaft zwischen der DDR und der Sowjetunion war. Aber die historischen Verbandelungen reichen ja bereits bis zu Katharina II. zurück, die mit ihrer Politik deutsche Händler und Gelehrte nach Russland holte...

AZ: Die abschließende Frage an Sie, Herr Professor Decker-Voigt: Welche Erfahrung aus dieser Zusammenarbeit ist Ihnen ganz besonders wertvoll? Zählte Russland, die Sowjetunion, vor 1990 doch nicht gerade zu den bevorzugten Partnerländern des Westens.

Decker-Voigt: Die größte Überraschung war für mich die ähnliche Zugehensweise auf den Patienten. Unter manchmal miserablen Bedingungen eine so gute Arbeit zu machen – da war ich derjenige, der lernen durfte!

Von Barbara Kaiser

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