Virtueller Wahlkampf vier Tage vor dem Urnengang: Die AZ macht den Webcheck bei Uelzens Landtagskandidaten

Will wohl nicht gefunden werden...

Gute Seiten, schlechte Seiten: Das Internet kann für Politiker ein mächtiger Verbündeter im Kampf um den Stimmenfang bei der Wählerschaft sein, oder aber zum schlimmsten Albtraum werden, nämlich dann, wenn andere sich besser im Netz zu präsentieren wissen. Montage: Koch

Uelzen/Landkreis. Bereits zum zweiten Mal machte es Barack Obama vor: Nicht zuletzt seinem Buhlen im Internet mit allen Mitteln um die Gunst der Wähler verdankte er seinen erneuten Präsidentschafts-Sieg. Obamas Siegestweet brach sogar den Twitter-Rekord.

Heute findet auch in Deutschland fast nirgends eine politische Wahl statt, ohne dass die Politiker sich selbst mit markanten Slogans auf einer Internetseite der Wählerschaft präsentieren. Daher verwundert es umso mehr, dass nicht alle der sieben Landtagskandidaten aus dem Wahlkreis Uelzen mit einem eigenen Internetauftritt auf sich aufmerksam machen.

Um zu verstehen, wie wichtig das Internet für Politiker ist und sein muss, ist es sinnvoll, sich vorher die heutige Mediennutzung genauer vor Augen zu führen: Die Wahrnehmung junger Menschen von Nachrichten im Netz gewinnt täglich an Bedeutung. Aber nicht nur deshalb ist das Internet als Werbeplattform so wichtig für die Politik, egal, ob es um den US-Präsidenten geht oder um Uelzens Landtagskandidaten. Schließlich geben junge Wähler immer häufiger den Ausschlag, das betonen Wahlforscher. Denn Jungwähler informieren sich übers Internet, sagen die Forscher weiter.

Bestes Beispiel ist der „Wahl-O-Mat“ der Bundeszentrale für politische Bildung (bpd), der bei der Bundestagswahl 2009 rund 6,7 Millionen Mal zum Einsatz kam. Laut der bpd waren mehr als ein Drittel (34,9 Prozent) der Befragten unter 30 Jahre alt. 8,5 Prozent waren 60 und älter. Natürlich erfreut sich der „Wahl-O-Mat“ auch gerade jetzt, unmittelbar vor der Landtagswahl 2013, erneut großer Beliebtheit.

Politik scheint also für viele Jüngere greifbarer zu werden, wenn man irgendwo ein „Gefällt mir“ anklicken kann oder aber am „Wahl-O-Maten“ auf Antwortensuche geht. Daher machte die AZ-Online-Redaktion wenige Tage vor Öffnung der Wahllokale in Niedersachsen den Webcheck auf den Kandidaten-Seiten im Internet, sofern das möglich war. Denn von den Uelzener Kandidaten Ria Nass (Die Linke), Dieter Müller für die Partei Bündnis 21/Rentnerinnen und Renterpartei und erstaunlicher Weise auch von Titus Tscharntke (Piraten) waren keine eigenständigen Seiten im Netz zu finden.

Wie sollte der eigene Webauftritt für Politiker im Netz aufgebaut sein? Keine Frage: Die Kandidaten stehen für ihre Partei und in der Regel auch für das Parteiprogramm, sie wollen sich jedoch auch direkt präsentieren. Ihre Person ist ihre Geschäftsgrundlage. Deswegen ist ihr Konterfei vor Wahlen ja auch so häufig auf Plakaten abgebildet. Da ist es doch nur logisch, dass auch die Webadresse nicht ellenlang und kryptisch sein sollte, sondern die Person herausstellt: sylvia-meier.de, joerg-hillmer.de, heiner- scholing.de, rainer-fabel.fdp-nds.de – der Name ist Programm, so muss es sein.

Sylvia Meier (SPD)

Aufgeräumt, aktuell und mit großem Konterfei auf der Startseite: Sylvia Meier (SPD) rückt im Netz die eigene Person offensiv in den Vordergrund. Ihr sofort sichtbarer Online-Terminkalender ist mit aktuellen Einträgen versehen. Bei den Nachrichten hinkt die Aktualität etwas hinterher. Der jüngste Eintrag war bei unserer erneuten Lektüre der Seite gestern Abend auf den 21. Dezember datiert. Der Bereich „Vor Ort“ ist leer. Folglich wäre Frau Meier gut beraten, sie ließe diesen Punkt auf ihrer Internetseite einfach ganz weg. Meier arbeitet auf ihrer Facebook-Seite (knapp 90 Freunde) gerne und zahlreich mit Fotos. Das ist gut so, denn wer sich auf den Motiven wiedererkennt, teilt diese womöglich über das soziale Netzwerk und rührt so die Werbetrommel für die Genossin.

Heiner Scholing (Bündnis 90/Die Grünen)

Aktuelles lesefreundlich aufbereitet – so könnte man den Internetauftritt von Heiner Scholing (Bündnis 90/Die Grünen), losgelöst von den politischen Inhalten, zusammenfassen. Optisch macht die Seite des Grünen wirklich etwas her. Das hat Seltenheitswert: Scholings datierte Einträge können kommentiert werden. Offenbar bekommt aber nur er selbst die von Besuchern verfassten Kommentare auf heiner-scholing.de zu lesen. Zumindest haben wir diese bei unserem Webcheck, auch nach mehrfachen Versuchen, nicht finden können. Da verschenkt der Kandidat der Grünen Diskussions- und Werbe-Potenzial. Wie viele seiner Kontrahenten ist auch der Hohnstorfer auf Facebook aktiv: Scholing zählt dort mehr als 1000 Menschen zu seinen Freunden.

Jörg Hillmer (CDU)

Optisch aufgewertet hatte Uelzens CDU-Landtagsabgeordneter Jörg Hillmer seinen Internetauftritt unmittelbar nach unserem ersten „AZ-Webcheck“ im Mai 2012: völlig neues Layout, aktuelles Porträtfoto, kurze und knackige Teaser-Texte, aktuelle Inhalte. Obendrein: reichhaltige Fotostrecken von seiner politischen Arbeit. Auch der Link zur eigenen Facebook-Seite Hillmers ist gut sichtbar auf der eigenen Startseite platziert. Mehr als 250 Freunde zählt er dort. Zwar ist die jüngste Meldung unter dem Bereich „Aktuelles“ auf joerg-hillmer.de auf den 10. Dezember datiert, auf seiner Facebook-Seite erfahren Interessierte jedoch genauestens und sehr aktuell, wo Uelzens Landtagsabgeordneter gerade Wahlkampf betreibt.

Rainer Fabel (FDP)

Ebenfalls richtig aufpoliert hat FDP-Mann Rainer Fabel seinen Internetauftritt (rainer-fabel.fdp-nds.de). Wir erinnern uns: Bei unserem Besuch Mitte 2012 auf der Seite der Kreis-FDP, mit der Fabel auch für das Landratsamt kandidierte, sah das Layout noch sehr unbeholfen aus. Die Kreis-FDP-Seite im Netz wurde in die Matrize des Landes-FDP-Portals gepresst: Übergroße Bilder und Logos dominierten die Internet-Präsenz. Auch gab es Fehlerseiten, die keine Inhalte besaßen. Dennoch war der Internetauftritt mit stets aktuellen Inhalten versehen. Jetzt zog Fabel nach und hat mit einer komplett eigenen FDP-Seite im Netz auch die kosmetischen Schnitzer aus dem Weg geräumt: Sauber gegliedert, nicht überdimensioniert und überfrachtet, mit Links zu Twitter-Meldungen und der eigenen Facebook-Seite. Fabel zählt derzeit rund 450 Freunde bei Facebook und weiß das soziale Netzwerk augenscheinlich gut für seinen Wahlkampf zu nutzen.

Titus Tscharntke (Piraten)

Die Piraten wollen das Internet sicherer und privater machen, fühlen sich im Netz dem eigenen Bekunden nach bestens aufgehoben. Ihre Zielgruppe sind vorwiegend junge Menschen. Das Internet ist sozusagen ihr natürlicher Lebensraum. Deshalb verwundert es umso mehr, dass Titus Tscharntke, der Landtagskandidat für die Piraten aus Uelzen, weder eine eigene Online-Wahlkampfseite besitzt oder einen öffentlichen Facebook-Auftritt noch auf unsere E-Mail reagiert hat (siehe dazu auch „E-Mail im Postfach“). Lediglich im pirateneigenen „Wiki“, also einem relativ neutral gehaltenen Faktenregister, sowie auf abgeordnetenwatch.de ist der Pirat zu finden. Hin und wieder liest man über die Tätigkeiten Tscharntkes auf heide-piraten.de, aber das ist, vergleicht man es mit der Arbeit seiner Kontrahenten, zu wenig.

Dieter Müller (Bündnis 21/RRP)

Eine eigens für den Wahlkampf aufgelegte Internetseite von Dieter Müller (Bündnis 21/Rentnerinnen und Rentnerpartei, kurz: RRP) haben wir auch bei tiefer Suche im Netz nicht gefunden. Dennoch ist Müller sowohl auf der Seite des Kreisverbandes Uelzen als auch des Landesverbandes Niedersachsen vertreten. Beide Webseiten wurden mit einem Homepage-Baukasten umgesetzt, was keinesfalls etwas Schlechtes sein muss. Denn genaugenommen sind auch die Webauftritte der anderen Kandidaten in aller Regel quasi angepasste Matrizen der Parteizentrale. Dennoch wirkt gerade der Webauftritt des Landesverbandes Niedersachsen (rrp-niedersachsen.de) optisch nicht zeitgemäß. Was jedoch viel schwerer wiegt: Der Bereich „Landtagswahl 2013“ geht dort als siebter, unscheinbarer Menü-Punkt auf der Startseite einfach unter. Erst unter diesem Punkt werden Besucher über die Direktkandidaten, unter anderem Dieter Müller, informiert. Werbepotenzial ist schlicht verschenkt. Wesentlich aufgeräumter wirkt im Vergleich dazu die Seite der RRP auf Bundesebene. Da sich der Uelzener Kreisverband damit brüstet, „Die Partei für jung und alt“ zu sein, vermisst man vom Landtagskandidaten ebenso einen eigenen Facebook-Auftritt. Anfragen der Wähler auf abgeordnetenwatch.de wurden von Müller nicht beantwortet.

Ria Nass (Die Linke)

Gerne hätten wir im Internet mehr über Ria Nass von der Partei Die Linke erfahren, ihr auch eine E-Mail geschrieben, aber das war nicht möglich: Eine eigene Wahlkampfseite existiert nicht. Auch auf dem virtuellen Auftritt des Uelzener Kreisverbandes ist Frau Nass nirgends zu finden. Sind ihr die Uelzener egal?, könnten Internetnutzer ketzerisch fragen. Nach langer und eingehender Suche werden Geduldige dann aber doch fündig: auf der Internetseite von Die Linke für den Kreisverband Lüneburg. Dort ist Ria Nass als Dritte von drei Kandidaten für die „Direktkandidaten im Landkreis Lüneburg“ abgebildet. Ihre Mitstreiter haben eigene Webseiten-Adressen oder zumindest eine E-Mail-Adresse mit angegeben, bei Frau Nass steht nichts. Es drängt sich einem das Gefühl auf, dass Frau Nass womöglich gar nicht gefunden werden will.

Von Michael Koch

Wer antwortet?

E-Mail im Postfach `

Allen Landtagskandidaten hatten wir am Sonntag eine persönliche E-Mail geschickt mit der Bitte, mehr über ihr politisches Programm erfahren zu wollen. Innerhalb von nicht einmal zwölf Stunden erhielten wir Antwort von Rainer Fabel (FDP), Heiner Scholing (Bündnis 90/Die Grünen) sowie Jörg Hillmer (CDU). Fabel antwortete als Erster sogar bereits knapp zwei Stunden nach unserer Anfrage. Sylvia Meier (SPD) hatte uns innerhalb von 24 Stunden geschrieben. Bis Redaktionsschluss gestern Abend haben wir keine Antwort erhalten von Titus Tscharntke (Piraten) sowie Dieter Müller (Bündnis 21/RRP). Ria Nass (Die Linke) konnten wir in Ermangelung einer EMail- Adresse nicht kontaktieren. Hinweis: Unsere Anfragen waren so verfasst, dass diese nicht als Schreiben der Presse erkennbar waren, sondern in der Form hätten auch von jedem Wähler stammen können. (mdk)

So lief der Webcheck

Unabhängig von der jeweiligen politischen Agenda nahm die AZ-Online-Redaktion die Seiten der Landtagskandidaten für den Kreis Uelzen unter die Lupe. Ob eine Seite einem Nutzer gefällt, hängt natürlich immer auch von subjektiven Faktoren ab. Dennoch gibt es in Zeiten des Web 2.0 gewisse technische und darstellerische Eckpunkte, an denen sich gute Seiten von weniger guten Seiten unterscheiden, gerade was Benutzerführung, Struktur und interaktive Angebote angeht. Bei den Internetauftritten der Kandidaten haben wir ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, inwieweit sich Nutzer und Wähler auf den Webseiten mit den Politikern aktiv austauschen können, beispielsweise durch Kommentare oder auf deren Facebook-Seiten. Natürlich lag der Fokus auch auf fehlerhaften oder offensichtlich mangelhaft gepflegten Inhalten. Unsauber geführte Internetauftritte sagen naturgemäß eine ganze Menge darüber aus, welchen Stellenwert Politiker dem Medium Internet beimessen. (mdk)

 

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