Bis zu 4000 Kinder kommen pro Jahr mit Schädigungen zur Welt / Experten-Vortrag heute in Uelzen

Wenn werdende Mütter trinken...

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Für Schwangere sollte es nur eine Null-Promille-Option geben, sagt der Mediziner Spohr. Er weiß aber, dass oft junge Mädchen am Wochenende zum Alkohol greifen, ohne zu wissen, dass sie schwanger sind.

Uelzen/Berlin. Es gab Zeiten, in denen Ärzte Schwangeren rieten, ein wenig Rotwein zu trinken – zum Hemmen vorzeitiger Wehen. Heute wissen die Mediziner: Alkohol ist Gift für ein ungeborenes Kind.

Seit mehr als vier Jahrzehnten widmet sich Professor Hans-Ludwig Spohr den Folgen, die ein Alkoholkonsum in der Schwangschaft haben kann. Zum Weltkindertag am heutigen Dienstag wird Spohr in Uelzen zu Gast sein. Der hiesige Kinderschutzbund lud den Mediziner für einem Vortrag zum Thema ein. Denn jährlich, so berichtet Spohr im AZ-Gespräch vorab, kommen bis zu 4000 Kinder zur Welt, die ihr Leben lang daran zu tragen haben, dass ihre Mütter in der Schwangerschaft tranken.

Vortrag im Rathaus 

Professor Dr. Hans-Ludwig Spohr, einer der beiden ärztlichen Leiter des FASD-Zentrums in Berlin, wird heute um 19 Uhr im Ratssaal des Uelzener Rathauses zum fetalen Alkoholsyndrom sprechen. Einlass ist um 18.30 Uhr. Eingeladen hat ihn der Kinderschutzbund Uelzen. Es wird ein Eintritt von 3 Euro erhoben.

Jeder Schluck erreicht über die Nabelschnur das Kind. „Es kriegt die selbe Menge Alkohol ab, die die Mutter trinkt“, sagt Spohr. Der Alkohol muss nicht in jedem Fall, kann aber das ungeborene Leben schädigen. Kinder kommen mit einem zu kleinen Kopf oder mit einem deformierten Gesicht zur Welt. Sie sind geistig behindert oder leiden an Verhaltens- und Lernschwierigkeiten. Deswegen gibt es für Spohr nur die Null-Promille- Option für Schwangere. Aus seiner Arbeit weiß der Wissenschaftler aber, dass werdende Mütter von betroffenen Kindern häufig nicht wissentlich zur Flasche griffen. Eine besonders gefährdete Gruppe seien „junge Mädchen im gebärfähigen Alter, die 18- bis 20-Jährigen, die Saturday-Night-Drinking machen“, ohne zu wissen, dass sie schwanger sind. Wenn sie drei- bis viermal im Monat richtig zulangten, dann führe das zu einer Schädigung des Kindes, sagt Spohr. Es wird von einem fetalen Alkoholsyndrom (FAS) und seinen Unterformen gesprochen.

Anders als bei einem genetischen Defekt gebe es bei Betroffenen des FAS nicht die stetig gleichen Symptome, anhandenen derer das Syndrom zu bestimmen sei. Deshalb blieben Fälle undiagnostiziert. Nach Spohrs Einschätzung werden bislang nur zehn Prozent der Fälle von einem Mediziner festgestellt. Unter anderem im Zentrum für die Diagnostik für Menschen mit angeborenen Alkoholschäden an der Charité in Berlin, in dem Spohr einer der beiden ärztlichen Leiter ist. Mehrere hundert Kinder, so sagt Spohr, bekommt er pro Jahr vorgestellt. Wie Spohr sagt, sind die Erziehungsberechtigten die wichtigsten Partner an der Seite der Kinder. Denn eine Therapie, bei der sie wieder gesund würden, gebe es nicht. Sie brauchen Hilfestellungen. „Ohne die Fürsorge von Eltern sind die Kinder meist verloren.“

Von Norman Reuter

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