Von Woche zu Woche

Wenn eine Erdbeere mehr wert ist als ein Mensch

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Die Moschuserdbeere fühlt sich an Wäldrändern und feuchten Gebüschen wohl. Sie wuchert auch da, wo die Gemeinde Bienenbüttel einen Radweg von Niendorf nach Wulfstorf plant – und könnte diesen verhindern.

Wenn eine Erdbeere mehr wert ist als ein Mensch.

Von Gerhard Sternitzke

Gerhard Sternitzke

Feldhamster, Großtrappe, Hirschkäfer: Namen mehr oder weniger possierlicher Tiere, die manchmal mächtiger sind als Planer und große Konzerne. Damit der Frankfurter Flughafen erweitert werden durfte, wurden die Larven des Hirschkäfers samt 50 Baumstümpfen, in denen sie lebten, versetzt. Kostenpunkt: 70 000 Euro. 20 Millionen Euro kosteten die Lärmschutzwände, die zum Schutz der Großtrappe an einer ICE-Strecke aufgebaut wurden. Und der Feldhamster verhinderte in Nordrhein-Westfalen ein Kraftwerk, das der Energiekonzern RWE plante.

Drei Beispiele dafür, wie wenige Exemplare einer Tierart Großprojekte verhindern können. Und wie sich gut gemeinte Umweltschutzauflagen verselbstständigen. So wie in der Gemeinde Bienenbüttel, wo jetzt das Vorkommen einer Erdbeere, der Moschus-Erdbeere, einen Radweg stoppen könnte, der zwischen den Ortsteilen Niendorf und Wulfstorf gebaut werden soll.

Hier, in der Nähe der geplanten Trasse der A 39 wird deutlich, dass offenbar ein Ungleichgewicht zwischen Naturschutz und den Belangen der Bevölkerung entstanden ist – und das spüren die Bürger, wenn sie ihren Unmut über entsprechende Verwaltungs- und Gerichtsentscheidungen äußern. Denn wenn eine Autobahn ihren Lebensraum zerschneidet – auch der Mensch hat einen – und Lärm ins Dorf bringt, dann wird das protokolliert. Die Asphaltpiste wird dennoch gebaut.

Wenn aber eine Erdbeere dort wächst, wo ein Radweg geplant ist, dann müssen die Dorfbewohner möglicherweise weiterhin mit dem Rad auf der Straße fahren. Die Gefährdung von radfahrenden Kindern und alten Menschen durch den Straßenverkehr wird dabei billigend in Kauf genommen. Das ist menschenverachtend.

Die Bilanz der letzten beiden Jahrzehnte zeigt im übrigen: Hamster und Käfer können Projekte stoppen und die Kosten in die Höhe treiben. Aber am Ende ist diese Form der Umweltbürokratie trotz ihres Rigorismus’ nur ein Feigenblatt, denn weiterhin verschwinden Tag für Tag 69 Hektar Land unter Straßen, Gewerbegebieten und Häusern. Erdbeeren und Hamster erhalten teure Reservate, damit die Naturzerstörung im Großen Stil nicht in Frage gestellt wird.

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