Viele glauben, die heutige Jugend sei chaotisch und wild – Irrtum: alles eine Frage der richtigen Erziehung

Vorbild dringt tiefer als Worte

Wer kennt sie nicht, die Situationen im Alltag, die einen manchmal fast zur Weißglut treiben. Sie machen einem klar, wie schwierig das Leben mit Kindern sein kann.

Jeder, der mit Kindern zu tun hat, egal ob Mutter und Vater, Babysitter, Erzieher oder Trainer einer Jugendmannschaft, weiß, wie schnell die banalsten Dinge aus dem Ruder laufen können. Da kann schon einmal das bloße Anziehen der Schuhe zu einer zeitraubenden Herausforderung werden. Die Bewältigung der Hausaufgaben entwickelt sich zu einem Machtkampf zwischen Groß und Klein, und das abendliche Zu-Bett-bringen des kleinen Lieblings wird auf einmal zu einer stundenlangen Diskussion. Eines ist klar: Kinder haben ihren eigenen Kopf und der kann auch mal trotzig sein.

„Jeder, der mit Kindern zu tun hat, kennt solche Momente. Erziehungsprobleme tauchen in der Regel in jeder Familie ab und an mal auf. Dabei ist es egal, welche soziale Gruppe betrachtet wird. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren“, so Regina Erdmann. Die 51-Jährige hat Soziale Arbeit/Pädagogik an der Evangelischen Fachhochschule in Berlin studiert. Seit zwölf Jahren arbeitet die Sozialpädagogin beim Kinderschutzbund in Uelzen. Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist in erster Linie die Beratung. Telefonisch und persönlich steht sie Eltern in Fragen der Erziehung zur Verfügung. Auch die Weitervermittlung an andere Träger der angesprochenen Problematik und die Familienhilfe gehören zu ihren Aufgaben. Dazu zählt ebenfalls die Hilfestellung bei Behördengängen.

Die Kinder kommen häufig von allein zum Kinderschutzbund. In den meisten Fällen entsteht der erste Kontakt durch Mund-zu-Mund-Propaganda. „Es kommt häufiger vor, dass die Kinder fragen, ob sie ihre Freundin oder ihren Freund mit zu uns bringen dürfen“, erläutert Erdmann. „Aber auch Eltern und Schulen melden sich, ob Plätze frei sind. Wir arbeiten eng mit anderen sozialen Einrichtungen zusammen. Darunter befinden sich zum Beispiel das Jugendamt sowie die Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Uelzen.“

Früher gab es eine bestimmte Norm, wie die Erziehung eines Kindes auszusehen hat. Heute bestimmen Eltern ihren Erziehungsstil selbst. „Das ist gut so. Allerdings fehlen dadurch klare Vorgaben. Weshalb einige Eltern heute häufig Schwierigkeiten dabei haben, ihren Kindern klare Regeln und Grenzen aufzuzeigen“, so Erdmann. Zudem fehlen vielen Kindern Vorbilder. „Alte Werte wie Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit haben noch immer Gültigkeit. Doch diese Verhaltensweisen werden nicht einfach mit in die Wiege gelegt – sie werden erlernt“, erläutert die Sozialpädagogin weiter. Daraus resultiert: Wenn niemand im Umfeld eines Kindes nach diesen Prinzipien lebt, dann können diese auch nicht vom Kind erwartet werden.

„Im Kinderschutzbund versuchen wir den Kindern diese Regeln und Grenzen beizubringen. Eine klare Struktur sorgt für ein gutes Miteinander und ermöglicht ein effektiveres Lernen“, erklärt Erdmann. „Uns ist wichtig, dass Eltern verstehen, dass Grenzen und Disziplin nicht zwangsläufig etwas mit Gewalt zu tun haben. Selbstentfaltung und Grenzen müssen miteinander einhergehen.“ Daher sind, neben den täglichen Angeboten wie der Hausaufgabenbetreuung, dem gemeinsamen Mittagstisch, der Kleiderkammer sowie der Mädchen- und Jungengruppe auch die Eltern-und-Kind-Gruppe sowie die Elternkurse ein wichtiges Standbein des Kinderschutzbundes. In der Eltern-und-Kind-Gruppe treffen sich Mütter und Väter mit ihren Kleinkindern zum gemeinsamen Frühstück. Während des Treffens werden die Kinder von den ehrenamtlichen Mitarbeitern des Kinderschutzbundes betreut. So bekommen die Eltern Gelegenheit, sich auszutauschen. Bestehende Konflikte in der Erziehung können gemeinsam erläutert und diskutiert werden. „Der gegenseitige Erfahrungsaustausch trägt dazu bei, eine mögliche Lösung zu finden“, bestätigt Erdmann.

Die Elternkurse stehen unter dem Grundsatz: „Starke Eltern – Starke Kinder“. An zehn Abenden mit wöchentlich zwei Zeitstunden soll den Eltern dabei geholfen werden, eine bestimmte Struktur zu entwickeln, nach der sie ihre Kinder erziehen möchten. Dafür werden unter anderem folgende Fragen gemeinsam besprochen: • Welche Werte und Erziehungsziele habe ich? • Wie bin ich selber erzogen worden? • Was möchte ich davon weitergeben und was nicht?

Darüber hinaus steht jeder Abend unter anderem Motto wie zum Beispiel „Achte auf die positiven Seiten deines Kindes!“, „Vorbild dringt tiefer als Worte!“, „Alle Gefühle als solche sind erlaubt und akzeptiert!“, „Hör dem Kind zu, dann verstehst du es besser!“ oder „Wenn du es eilig hast, mach einen Umweg!“. Angelehnt an das jeweilige Motto erhalten die Eltern eine Hausaufgabe, die eine bestimmte Verhaltensregel für Zuhause beinhaltet. „Wie sich diese dann auf das Familienleben ausgewirkt hat, wird beim nächsten Treffen in der Gruppe besprochen. Das ist wirklich spannend.“ Dadurch werden ebenfalls die Elternkurse zur Plattform gegenseitigen Austauschs. „Jeder, der Kinder hat, weiß in manchen Punkten mal nicht weiter. In den Kursen merken Eltern, dass sie nicht allein mit ihren Problemen sind – das tut gut“. – Fazit: Grenzen müssen sein, sonst entsteht Verunsicherung bei Klein und Groß.

Von Anna Giza

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