Von Woche zu Woche

Ein Zug voller Flüchtlinge

 Die Helfer hatten sich auf alle Szenarien vorbereitet und viele von ihnen hatten ja schon entsprechende Erfahrungen vom vergangenen Wochenende in Lüchow.

Von Flüchtlingsscharen, die nach einer langen Reise übermüdet aussteigen, dankbar für eine Stärkung und einen freundlichen Empfang. Verunsicherte Menschen, gesundheitlich angeschlagene Kinder. Und so haben die vielen ehrenamtlichen und professionellen Helfer gestern Vormittag ganze Arbeit auf dem Uelzener Bahnhof geleistet, als ein Sonderzug mit bis zu 270 Flüchtlingen kurzfristig angekündigt worden war.

Und als der Zug nach kurzem Aufenthalt seine Fahrt nach Hamburg fortsetzt, bleiben auf dem Uelzener ZOB viele fragende und auch ungläubige Gesichter zurück. Denn dieser erste große Flüchtlingsstrom, der in Uelzen ankommen sollte, blieb aus. Nur 30 Passagiere aus dem Sonderzug stiegen aus, der Rest hatte andere Pläne. Sie wollten zu anderen Familienangehörigen, aber vor allem in die Metropolen, nach Hamburg, Berlin und Frankfurt zum Beispiel.

Die von vielen als merkwürdig empfundene Situation gestern auf dem Uelzener Bahnhof offenbart zwei Dinge: Wenn es darauf ankommt, dann kann man die Menschen vor Ort mobilisieren, die Hilfsbereitschaft von Ehren- und Hauptamtlichen ist ungebrochen. Sie können stolz auf das sein, was sie gestern am Hundertwasserbahnhof in kürzester Zeit auf die Beine stellten.

Doch auch etwas Erschreckendes ist offenkundig geworden: Bundes- und EU-weit scheint die Bewältigung der Flüchtlingsströme noch immer nicht zu funktionieren, es regiert das Chaos.

Wie kann es sein, dass die 270 Flüchtlinge in Salzburg in einen Zug gestopft werden mit dem Versprechen, es gehe nach München? Und dass dieser Zug dann irgendwann in Uelzen ankommt, ohne dass die Menschen in den vielen Stunden Fahrzeit darüber informiert werden, wo es eigentlich hingeht und wie das weitere Procedere ist? Wie kann es sein, dass die Helfer in Uelzen nicht einmal wissen, ob sie sich auf Familien, auf Kinder vorbereiten müssen, in welchem Gesundheitszustand diese Menschen sind? Fest steht: Sie wurden in Österreich nicht erfasst, sondern einfach schnell weggekarrt.

Es wird nicht der letzte Flüchtlingszug sein, der Uelzen erreicht. Spätestens wenn der Winter kommt, die vielen Zeltstädte nicht mehr nutzbar sind, wird jeder freie Platz auch in der Provinz benötigt. Die ehemalige BGS-Kaserne in Bad Bodenteich und auch die Bundespolizei am Hainberg dürften spätestens zum Jahreswechsel aus allen Nähten platzen. Und wenn nicht langsam die „große Politik“ eine EU-weite Lösung für die Flüchtlingsströme präsentiert, können irgendwann auch die Helfer vor Ort die Kastanien nicht mehr aus dem Feuer holen – sie werden derzeit unverantwortlich im Stich gelassen.

Von Thomas Mitzlaff

Rubriklistenbild: © Huchthausen

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