Schülerin Christina Lembeck bei Planspiel des Deutschen Bundestages „Jugend und Parlament“

Vier Tage als Abgeordnete

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Schnupperte Bundestagsluft: Christina Lembeck hatte vier Tage Gelegenheit, hinter die Kulissen des Berliner Parlaments zu blicken.

Landkreis/Berlin. Die Politikerin ist 56 Jahre alt, stammt aus Gelsenkirchen, hat zwei erwachsene Söhne.

Ihr Mann hält ihr den Rücken frei, so dass sie aktiv politisch tätig sein kann, inzwischen in ihrer fünften Legislaturperiode über die Landesliste Mecklenburg-Vorpommern für die LRP (Liberale Reformpartei) im Bundestag. In dieses Rollenprofil hatte die 17-jährige Abiturientin Christina Lembeck aus Suderburg zu schlüpfen. Sie war für vier Tage Abgeordnete beim Planspiel „Jugend und Parlament“ im Bundestag in Berlin.

Rund 300 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 21 Jahren bildeten das Parlament. Christina Lembeck, einzige Jugendliche aus dem hiesigen kreisgrenzenübergreifenden Bereich, war auf Einladung vom CDU-Bundestagsmitglied Henning Otte dabei. „Dafür habe ich meine Abifahrt sausen lassen, aber das macht nichts, angesichts der Erfahrungen, die ich sammeln konnte und den hautnahen Begegnungen mit echten Politikern“, schwärmt Christina.

Wie im wahren Bundestagsleben kamen die Jung-Abgeordneten nur mit Sonderausweis durch die Einlasskontrollstellen der Politikergänge, diskutierten, lauschten und stimmten in Sitzungsräumen des Bundestages ab. Die Gremien des Bundestages wurden gewählt, Fraktions- und Ausschusssitzungen, Beratungen, Plenarsitzungen folgten, begleitet von Presseteams.

„Morgens um 9 ging es los, mittags gab es eine Pause in der Bundestagskantine und oft gingen die Gespräche auch privat noch weiter – abends nach ,Dienstschluss’“, berichtet Christina Lembeck. Der Blick ins Programm lässt erahnen, dass wohl oft die Köpfe rauchten. Auch mussten sich die jungen Abgeordneten nicht nur Kenntnisse zu Sachfragen, sondern auch zum politischen Konzept der Partei, der sie zugeordnet waren, aneignen. Christina Lembeck, die in der Uelzener Jungen Union aktiv ist, hatte es hier mit der LRP (vergleichbar der FDP) zu tun. Übrigens waren nur wenige Jung-Abgeordnete nicht parteigebunden. Viele von ihnen streben auch eine politische Karriere an. Christina hingegen hofft auf einen Medizin-Studienplatz.

Unter vier Gesetzesinitiativen galt es, sich einer zuzuordnen. Christina wirkte bei der Beschlussempfehlung des Ausschusses für Gesundheit mit, beim „Gesetz zur Änderung des Pflegezeitgesetzes (Lohnfortzahlung bei Freistellung von Arbeitnehmern im Falle akuten Pflegebedarfs von Angehörigen)“. Wie bei den echten Parlamentariern eben. Die anderen Themen: Datenschutz, Pkw-Maut und die diskriminierungsfreie Bewerbung. Natürlich gab es auch Kontakt mit den Fraktionen vor Ort. Christina Lembeck: „Da war die Podiumsdiskussion zum Thema ,Schreckensvision gläserner Jugendlicher – Datenschutz im Zeitalter sozialer Netzwerke’ mit Ulrich Deppendorf, dem Leiter des ARD-Hauptstadtstudios Berlin.“ Ein Moment ist ihr dabei als besonders spannend in Erinnerung geblieben, nämlich „als Gysi sich kritisch zu facebook äußerte und dann auf die Stasi angesprochen wurde…“

Nicht nur die unmittelbare Begegnung mit namhaften Politikern – wie etwa Bundestagspräsident Lammert –, sondern auch die Gespräche mit den jungen Leuten sieht Christina als dankbare Erfahrung. Hinzu kommt als persönlicher Gewinn der Blick auf das „große Ganze“ samt Stimmungen und Hintergründen bei dieser Großsimulation unter realen Bedingungen.

Ziel des Planspiels ist es, komplexe Planungs-, Verhandlungs- und Entscheidungsprozesse nachvollziehbar zu machen. Ob es so im wahren Politikeralltag auch zugeht? Die große junge Frau mit dem strahlenden Lächeln schüttelt den Kopf: „In vier Tagen eine Gesetzesentscheidung hinzubekommen, ist da nicht denkbar.“

„Jugend und Parlament“ gibt es auch 2013 wieder. Eine Direktbewerbung beim Deutschen Bundestag ist nicht möglich. Die Bundestagsabgeordneten benennen die Teilnehmer selber.

Von Ute Bautsch-Ludolfs

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