Vielleicht Freunde fürs Leben

Nicht allein das Musizieren macht den jungen Leuten Spaß – auch das Miteinander in den Pausen genießen sie.

Uelzen - Von Barbara Kaiser. Fast gar kein Heimweh habe er gehabt, beteuert Riu Rodriguez Sakamoto, der kleine Spanier mit der Violine, der einer der jüngsten Teilnehmer des Orchester Camps 2010 in Lüchow war. Ansonsten bleibt er aber eher einsilbig; vielleicht wegen des Lampenfiebers vorm großen Auftritt des Abschlusskonzerts? Wiederkommen will er auf jeden Fall, lässt er sich noch entlocken; denn das erste Mal im Wendland, diese Art des Musizieren Lernens, das hat den 14-Jährigen beeindruckt und ihm Freude gemacht. Er wird mit reichen Erfahrungen die Heimreise antreten.

Aus einem anderen Blickwinkel, weil dem eines Dozenten fürs Blech, sieht es Scott Schlup aus den USA. Was ist anders als zu Hause? Es sei ein ganz anderes Unterrichten hier, antwortet Schlup sofort. Die jungen Musiker seien viel ernsthafter, „very serious“, und es zählte in dieser Probenwoche ausschließlich die Musik, nichts anderes. Größere Komplimente für das Funktionieren einer Einrichtung können Veranstalter nicht bekommen. Deswegen darf das siebte Internationale Orchester Camp Lüchow, das am Freitag in Uelzen und am Sonnabend in Lüchow sein Abschlusskonzert gab, ein Erfolg genannt werden.

90 Instrumentalisten aus zwölf Ländern – mit einer besonders starken Osteuropa-Fraktion – waren in einer Woche zu einem Orchester gereift, das es vorher nicht gab. Wenn man weiß, was für ein sensibles Gebilde ein Klangkörper ist, kann das Ergebnis nur Staunen machen. Deshalb bedankte sich Cheforganisator Gerd Baumgarten, der Leiter der Musikschule Lüchow, noch vor dem ersten Tone bei seinen Musikern. Schon das ist ungewöhnlich. „Ihr habt eine tolle Arbeit geleistet“, rief er ihnen zu.

Aber auch wenn die Jugendlichen, von denen die am weitesten angereisten aus Taiwan und den USA kamen, sechs bis acht Stunden am Tag übten, die Gemeinschaft kam keineswegs zu kurz. Und so lautet die Antwort auf die Frage, was sie denn abseits der musikalischen Erfahrungen mit nach Hause nähmen, unisono: „Persönliche Beziehungen“, „Freundschaften“, ein „gesteigertes Niveau“ und: „Es lohnt die Teilnahme!“.

So spielte das große Sinfonieorchester im Abschlusskonzert unter anderem Dimitri Schostakowitschs Schmerzenskind, die Sinfonie Nr. 5, d-moll. Diese bitter-wehmütige wie Hohn lachende Antwort des Komponisten auf die Maßregelung durch Stalins Kulturwächter, die – wieder einmal nichts begriffen. Polnische, kroatische, slowenische, ungarische, französische, englische und italienische Musiker unter der Leitung des Amerikaners Matthew Spieker schienen allen Diktatoren der Welt zu trotzen. Es ist ein Zusammengehen, das Hoffnung gibt für Verständigung auch anderswo; so wie Barenboims West-Eastern-Divan-Orchestra oder Justus Frantz‘ Philharmonie der Nationen.

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