„Vieles erscheint heute radikaler“

Welche Rolle spielte Hans-Christoph Seebohm (2.v.l.) in der Nachkriegszeit?

Uelzen - Von Marc Rath. Die im Zuge des Straßennamen-Streits von Bürgermeister Otto Lukat (SPD) beim Osnabrücker Professor Thomas Vogtherr in Auftrag gegebene Bewertung der Nachkriegsrolle des ehemaligen Bundesverkehrsministers und zeitweiligen Uelzener Wahlkreis-Abgeordneten Hans-Christoph Seebohm (Deutsche Partei, später CDU) liegt jetzt vor.

Auf fünf Seiten hat sich der aus Uelzen stammende Vorsitzende der Historischen Kommission Niedersachsen mit dem Mann beschäftigt, der mit 17 Jahren längster amtierender Bundesminister ist. „Seebohm ist in seiner parteipolitischen Entwicklung und Karriere als ein Exponent des nationalkonservativen Flügels der deutschen Politik in den ersten Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu bezeichnen“, schreibt Vogtherr darin.

„Mit seinen Bestrebungen, Verfehlungen ehemaliger Nationalsozialisten für politisch unbeachtlich zu halten, und seinem Einsatz für die Möglichkeit der Wiederverwendung dieses Personenkreises im öffentlichen Leben habe er sich in einem breiten Konsens der bundesdeutschen Innenpolitik der ersten Nachkriegsjahre befunden“, analysiert der Historiker. Vogtherrs Jenaer Kollege Lutz Niethammer hat das Ergebnis dieser Haltung die „Mitläuferfabrik“ genannt – und, so Vogtherr, „damit charakterisiert, dass und in wie großem Umfang in den Jahren zwischen 1949 und etwa 1960 ein Konsens des Vergessenwollens politisch beherrschend war“. Insofern habe Seebohm nicht etwa individuell besonders radikale Positionen vertreten, „sondern befand sich innerhalb des politischen Common Sense, wenngleich als deutlich der Rechten zuzurechnender Politiker“.

Dazu zählt Vogtherr auch politische Äußerungen, in denen Seebohm die Fortexistenz des Deutschen Reiches behauptete. Allerdings seien seine Äußerungen „den weit verbreiteten Positionen mehr oder weniger offener antialliierter Stimmungsmache zuzurechnen, wie sie von den politischen Kräften der Rechten ebenso wie von denen der Linken immer wieder zum Ausdruck gebracht wurden“, verweist Vogtherr etwa auf den berühmt gewordenen Ausspruch des ersten Nachkriegs-Vorsitzenden der SPD, Kurt Schumacher, Adenauer fungiere als „Kanzler der Alliierten“.

Die „Sonntagsreden“ des Vertriebenen-Funktionärs Seebohm erwiesen sich bei den ersten politischen Annäherungversuchen an Osteuropa „politisch als hinderlich“, kommentiert der Historiker: Sie ließen jede Form von Bereitschaft zur Verständigung mit der damals kommunistischen Tschechoslowakei vermissen.

Insgesamt findet Vogtherr es schwer, Seebohm politisch zu bewerten – „gerade weil eine Reihe von inhaltlichen Positionen und Äußerungen heute erheblich radikaler erscheinen, als sie dies im Kontext der fünfziger und frühen sechziger Jahre gewesen sind“.

Seine Äußerungen als Vertriebenenpolitiker „wurden mit zunehmender Zeit immer radikaler, und sie mussten die außenpolitische Position der Bundesrepublik Deutschland immer stärker belasten“. Dies seien die Gründe dafür gewesen, dass Seebohm schon von Adenauer, stärker aber später noch von Erhard politisch diszipliniert werden sollte. „Er hat sich diesen Versuchen, ihn – wie er das nannte – ,mundtot‘ zu machen, jeweils nur auf Zeit gebeugt, hat aber keinerlei inhaltliche Zugeständnisse gemacht“, bemerkt Vogtherr.

„Innenpolitisch stand Seebohm für eine Politik der nationalen Rechten, die ihn in eine teilweise erhebliche Nähe zum Rechtsextremismus brachte. Jedoch bleibt deutlich festzuhalten: Weder war Seebohm selber Mitglied der NSDAP, noch hätte er sich Positionen des Nationalsozialismus erkennbar zu eigen gemacht“, betont der Historiker.

Zum Abschluss seiner Expertise merkt Vogtherr an, dass Seebohms „unbedingte und insgesamt zielführende Politik zur Automobilisierung der Bundesrepublik Deutschland erheblich beigetragen hat und damit wesentliche Beiträge zum wirtschaftlichen Aufschwung seiner Zeit leistete. Diese Aufbauleistung sollte man nicht unterschätzen, auch wenn die heutige Bewertung dieser Automobilisierung naturgemäß kritischer ausfallen dürfte.“

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