30 Jahre: Valentina Antonenko engagiert sich seit Jahrzehnten in Minsk für die Opfer der Atomkatastophe

Valentina Antonenko: „Wurden Tschernobyl ausgeliefert“

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Nach der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl hörte Valentina Antonenko über Dritte, dass Gefahr für die Menschen im Land besteht. Von offizieller Seite wurde da noch von einer nicht bedrohlichen Panne in der Atomanlage gesprochen.

Uelzen. Der Wind brachte die Strahlung in den ersten Tagen nach der Tschernobyl-Katastrophe, die sich heute zum 30. Mal jährt, nach Weißrussland. 22 Prozent des Landes wurden so in unterschiedlicher Intensität verstrahlt. 250 000 Kinder leben in den Gebieten.

Seit Jahrzehnten engagiert sich Valentina Antonenko, die an der Universität von Minsk Deutsch unterrichtet, in der Hilfe für Opfer der Reaktor-Katastrophe und begleitet Erholungsmaßnahmen für Kinder. Jetzt ist sie auf Einladung der Gomelhilfe in Uelzen, las in der St. -Petri-Gemeinde aus dem Buch von Swetlana Alexijewitsch über die Folgen des Gaus vor und beteiligt sich an Gedenkveranstaltungen. AZ-Redakteur Norman Reuter sprach mit Valentina Antonenko über ihr Engagement und darüber, wie in Weißrussland mit der Katastrophe umgegangen wurde und wird.

Frau Antonenko, wissen Sie noch, was Sie am 26. April 1986 gemacht haben? 

Ja, ich war in Minsk. Es war ein sehr warmer Tag so um die 30 Grad und die Menschen überall in Minsk hielten sich draußen auf – viele in den Parks, manche fuhren auch aufs Land, wo sie eine Datscha oder Verwandte hatten. Ich war mit meinem Sohn in der Stadt, wir haben eingekauft und haben dann am Fluss Swislatsch ganz gemütlich in der Sonne gesessen. Tschernobyl war da schon passiert. Aber bei uns wurde darüber zunächst kein Sterbenswörtchen gesprochen. Wenigstens am 26. und 27. April haben wir nichts gewusst.

"Vom Staat werden wir nicht unterstützt."

Sie sprachen es selbst an. Über den Gau in der Atomanlage wurde zunächst nicht berichtet und später flossen Informationen nur spärlich. Wann haben Sie denn das erste Mal davon gehört, dass da etwas passiert ist, dass auch auf ihr Leben Einfluss haben kann?

Wir haben es so um den 1. Mai erfahren, aber Gerüchte gab es früher. Die Kollegen meines Mannes, auch er war damals an der Universität tätig, hatten Verwandte beim Staatssicherheitsrat und einer hat gesagt, wir sollten sehr vorsichtig sein. Es sei in Tschernobyl etwas ganz Schlimmes passiert, Radioaktivität sei ausgetreten. Er sagte, wir sollten die Fenster dicht zumachen und nach Möglichkeit nicht rausgehen. Aber dann kamen die Berichte im Radio und es wurde ganz harmlos gesagt, es habe eine Panne am Atomkraftwerk Tschernobyl gegeben, es sei aber nicht Gefährliches. Das ist die schlimmste Sache, die man unserem Volk eigentlich in diesen Tagen angetan hat.

Infografik: Atom-Reaktoren in Europa | Statista

Denn auch in den 30 Kilometer-Zone um das Atomkraftwerk sind die Menschen und die Kinder zu den Maidemonstrationen gegangen. Erst eine Woche später begann man, die Menschen auszusiedeln. Wenn man die Menschen vorgewarnt hätte, hätten sie sich wenigstens ein wenig schützen können. Fünf bis sechs Jahre nach Tschernobyl wurden 3000 Kinder an Schilddrüsenkrebs operiert. Das war die Folge, dass man den Menschen nicht die Wahrheit gesagt hat. Wir wurden Tschernobyl einfach ausgeliefert.

Der Satz „wir wurden Tschernobyl einfach ausgeliefert“ klingt nach. Ist das der Grund, warum Sie sich für die Menschen in Ihrem Land engagieren?

Ich arbeitete seinerzeit am Lehrstuhl für Deutsch und da war unter meinen Kollegen Irena Gruschewaja. Gennadij Gruschewoj ist der Name, der in Deutschland bekannt ist. Irena und er haben als Erste die Gefahr erkannt. In Weißrussland wurde immer gesagt, alles sei in Ordnung. Wir als gebildete Leute verstanden, dass das nicht sein kann, wenn Radioaktivität austritt. Auch wenn das Land nichts unternimmt, wollten wir das als bürgerliche Initiativen versuchen. Im Lauf des Jahres haben wir 11000 bis 12000 Kinder zur Erholung aus der verstrahlten Gegend geholt. In 22 Ländern waren bislang unsere Kinder in Erholung. Bis heute läuft das, die meisten Kinder nimmt momentan übrigens Italien auf.

Werden Sie denn vom weißrussischen Staat bei Ihrer Arbeit unterstützt?

Das sind rein bürgerliche Initiativen. Vom Staat werden wir nicht unterstützt.

Sie engagieren sich heute, 30 Jahre nach der Reaktor-Katastrophe, auch mit Lesungen. Sie haben in Uelzen aus dem Buch der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch vorgelesen. Das ist eine Form der Informationspolitik... 

Je mehr Zeit vergeht, desto mehr denken die Leute, dass das Problem hinter uns liegt. Aber Tschernobyl ist nicht das Problem der Vergangenheit, es ist das Problem der Zukunft. Alexijewitsch hat es in ihrem Buch geschrieben, die Halbwertszeit von manchen radioaktiven Elementen ist 1000 Jahre. Es leben Menschen in den verstrahlten Gebieten, dort wird Gemüse angebaut und überall verbraucht. Solange wir existieren, wird Tschernobyl eine Gefahr für uns sein.

Der 30. Jahrestag ist Anlass für Medien, die Reaktor-Katastrophe und ihre Folgen noch einmal intensiver zu beleuchten. Wie wird in diesen Tagen darüber in Ihrer Heimat berichtet? 

Wir als bürgerliche Initiativen gedenken der Opfer. Wir organisieren zum Jahrestag einen Marsch auf dem Tschernobyl-Weg, ziehen durch die Hauptstraße und uns wird ein kleiner Platz zur Verfügung gestellt, auf dem wir unsere Kundgebung veranstalten können. In Zeitungen gibt es nur kurze Informationen wie etwa „Heute ist der Jahrestag“. Warum das nicht so groß behandelt wird? Weil in unserem Land ein neues Atomkraftwerk gebaut wird. Und wie kannst du den Leuten erklären, dass 30 Jahre nach Tschernobyl noch Gefahr besteht, während andernorts ein neues Atomkraftwerk gebaut wird?

"Solange wir existieren, wird Tschernobyl eine Gefahr für uns sein."

Gibt es denn in Ihrem Land eine Anti-Atomkraft-Bewegung so wie seit den 80er Jahren in Deutschland? 

Bei uns gibt es praktisch nichts, was „Anti“ heißt. Es gibt bestimmte politische Gründe dafür. So frei sind wir eben nicht, wie man sein möchte.

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