Uelzener Pendler steigen aufs Auto um

„Ich werde ich auch überlegen, ob sich das Abonnement noch lohnt“: Ute Staschkewitz, 51 Jahre, aus Uelzen muss während des Streiks mit dem ICE vorliebnehmen und einen Aufpreis zu ihrem Metronom-Ticket zahlen.

Uelzen. Im Uelzener Hundertwasser-Bahnhof ist es still und leer – der Bahnhof hat sich in eine Wartezone verwandelt. Die Bahnsteige drumherum ebenfalls. Vereinzelt hocken gestern Morgen Passanten auf den Bänken am Bahnhofsvorplatz und lassen sich die frühen Sonnenstrahlen auf das Gesicht scheinen. Nicht nur zehn Minuten lang, manche harren über eine Stunde aus. Sie warten auf einen Metronom-Zug, der nicht von Lokführern bestreikt wird.

„Ich bin auf den Metronom angewiesen, ich wollte nach Hamburg fahren“, berichtet Robert Koch. Der 28-Jährige ist gegen 6.30 Uhr in Hannover in den Metronom eingestiegen. Nach der einstündigen Fahrt ist in Uelzen für mehr als eine Stunde erst einmal Endstation, da der Anschluss-Zug um 8.01 Uhr durch den Streik der Lokführer-Gewerkschaft GDL ausfällt. „Wenn man es vorher weiß, ist es ja in Ordnung“, sagt Koch. Aber im Internet habe er keine Information darüber gefunden. „Da hätte man auch eine Stunde länger schlafen können“, ist er missmutig.

Auf einem Bahnsteig reiht sich dann doch um 8.09 Uhr plötzlich Fahrgast an Fahrgast. Es ist Nummer 102, der Bahnsteig, an dem ein ICE Richtung Hamburg einfährt. Ute Staschkewitz aus Uelzen nutzt normalerweise ein Abonnement-Ticket von Metronom. „Es ist ärgerlich. Ich muss zur Arbeit nach Lüneburg und fahr jetzt mit dem ICE“, erklärt die 51-Jährige. „Wenn ich kontrolliert werde, muss ich dazuzahlen.“ Und dieser Fall sei in den vergangenen Monaten oft eingetreten. „Ich finde, es reicht jetzt. Wenn das so weitergeht, werde ich auch überlegen, ob sich das Abonnement noch lohnt. Ich habe ja auch einen Pkw.“

Aus der Hauptpendler-Zeit wird Streik-Zeit – denn nicht nur Lokführer von Metronom legen ihre Arbeit nieder, so langsam beginnen auch die Fahrgäste zu streiken. Das ist an der Ruhe gestern Morgen auf den Bahnsteigen erkennbar – und vor allem auch am Umsatz in den wenigen Geschäften in der Bahnhofshalle, die noch betrieben werden. „Es ist leer, tot“, sagt Heinrich Honnef aus dem DB-Verkaufsladen am Haupteingang, „heute fahren wahrscheinlich alle mit dem Auto.“ Stattdessen war am Wochenende umso mehr los, die Fahrgäste waren noch nicht auf Zugausfälle vorbereitet, berichtet er. „Sonntag war es eine Katastrophe, die Menschen haben zwei bis drei Stunden hier auf ihren Zug gewartet. Die Älteren hätten sich gerne hingesetzt.“

Allerdings hat der Imbiss für solche Situationen nicht genug Sitzplätze, und im ehemaligen Arte-Restaurant türmen sich Werkzeug und Utensilien, unter anderem für die Sanierung der Säulen im Bahnhof. Der Restaurant-Betrieb eröffnet voraussichtlich erst im November wieder (AZ berichtete). So ließen sich die Wartenden vor dem Geschäft auf Mauer und Fußboden nieder. „Der Service hat ganz schön was abgekriegt, die Leute waren ganz schön aggressiv.“

Ähnlich ergeht es den Mitarbeiterinnen im Imbiss am rückwärtigen Ausgang des Bahnhofs. „Die Kunden fehlen, heute Morgen war deutlich weniger los“, beklagt sich Annika Ebert. „Die Pendler sind gar nicht mehr da.“ An anderen Tagen würden ab der Öffnung um 5.30 Uhr die Fahrgäste sich noch schnell einen Kaffee kaufen, bevor sie in den Metronom steigen. Am Sonnabend warteten die Frühaufsteher noch drei bis vier Stunden auf ihren Zug, mittlerweile fahren sie wohl eher mit dem Auto zur Arbeit, vermutet sie. „Es ist natürlich ärgerlich, viele regen sich auf. Dann sollen sie den Metronom ganz abschaffen, ehrlich.“

Im Zeitschriftengeschäft „Presse & Buch“ kommen vereinzelt Kunden vorbei, zahlen schnell für ihre Zeitung und verschwinden wieder. „Wir machen weniger Umsatz, es kommen weniger Leute, das macht sich doch bemerkbar“, lautet die Bilanz der Mitarbeiterinnen. Wer auf seinen nächsten Zug lange warten muss, suche in Ruhe nach Lesestoff. „Auf der anderen Seite ist es so, dass viele Pendler gar nicht mit dem Zug fahren, sondern mit dem Auto“, weiß Silke Schabert. „Der Streik dauert einfach zu lange, die Kunden haben nicht mehr viel Verständnis dafür.“

Gelassen lehnen zwei Taxi-Fahrer an ihren Wagen vor dem Bahnhof und plaudern miteinander, ein weiterer Fahrer ist in ein Taschenbuch vertieft. Im Augenblick sieht es bei ihnen nach Flaute aus. Dennoch scheinen sie die einzigen zu sein, die vom Streik profitieren. „Es kommen zwischendurch große Fahrten für uns heraus“, sagt Jens Kornetzky hinter seinem Lenkrad. Wenn es schnell gehen muss, bevorzugen die Reisenden während des Streiks die Fahrt nach Celle, Hamburg und Hannover per Taxi. „Überwiegend sind es zurzeit Strecken nach Bad Bevensen“, sagt er zufrieden.

Von Diane Baatani

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