Vor einem Jahr erreichten fast täglich Sonderzüge von der österreichisch-ungarischen Grenze den Hundertwasser-Bahnhof

Uelzen als Drehkreuz für die Flüchtlingsströme - ein Blick zurück

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Zahlreiche Helfer unterstützten die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft vor einem Jahr in Uelzen.

Uelzen. Im September 2015, als immer mehr Männer, Frauen und Kinder auf der Flucht über die Balkanroute Zentraleuropa erreichen, wird die Hansestadt Uelzen für Wochen zum Drehkreuz bei der Verteilung von Flüchtlingen.

Sonderzüge von der österreichisch-ungarischen Grenze kommen zwischenzeitlich täglich in Uelzen an. Für Einsatzkräfte von Feuerwehren, DRK und Polizei werden diese Wochen zur Zerreißprobe. Nun jähren sich die Zugankünfte, die AZ blickt auf die Wochen im Herbst 2015 zurück - eine Chronologie:

Um 10.13 Uhr erreicht am Freitag, 11. September 2015, der erste Sonderzug Uelzen - für die Flüchtlinge ist es eine Irrfahrt. Sie wähnen sich auf dem Weg nach München, wissen nicht, dass sie inzwischen Norddeutschland erreicht haben. Weil der Zug weiter nach Hamburg fährt, steigen lediglich 30 Flüchtlinge aus. Eigentlich sollen es 200 sein, die von Uelzen aus mit Bussen zu geschaffenen Unterkünften gebracht werden sollen.

Es vergehen lediglich zwei Tage, dann rollt am Sonntagvormittag, 14. September, erneut ein Flüchtlingszug am Hundertwasser-Bahnhof ein. Diesmal endet die Sonderfahrt, die in Salzburg startete, in Uelzen. 400 Flüchtlinge steigen aus; Mit einem logistischen Kraftakt baut das DRK auf dem Gelände des EDEKA-Marktes am Bahnhof mobile Kranken- und Versorgungsstationen auf. Feuerwehrkameraden kommen zum Einsatz; sie sollen den Flüchtlingen den Weg zum Versorgungsplatz und den Bussen zeigen. Bereits in Uelzen lebende Migranten werden als Dolmetscher zusammengetrommelt.

Der Einsatz erstreckt sich über Stunden. Swantje Dost-Kraft, Flüchtlingssozialarbeiterin beim CJD, bilanziert gegen Mittag: "Die Flüchtlinge wissen nicht, wo sie sind. Aber sie wissen, wohin sie möchten." Finnland, Schweden oder Norwegen werden als Wunschziele genannt. Etwa 150 Flüchtlinge reisen weiter, als sie hören, dass die Elbmetropole Hamburg nicht weit ist.

An diesem Wochenende erklärt die Landesregierung eine ehemalige Kasernenanlage in Oerbke im Heidekreis zu einem Aufnahmezentrum für Flüchtlinge. 1300 Plätze wurden geschaffen. Auch die in Uelzen ankommenden Flüchtlinge sollen nach Oerbke gebracht werden.

Zu diesem Zeitpunkt sieht sich Ungarn bereits überfordert mit den steigenden Flüchtlingsankünften. Eine Frau aus Syrien, die mit ihren Kindern mit dem Sonderzug Uelzen erreichte, erzählt, dass die Reise durch Ungarn "very bad" gewesen sei. Noch nicht einmal Wasser hätten sie bekommen. Dankbar nimmt sie am Hundertwasser-Bahnhof Tetrapaks mit Wasser entgegen.

15. September: Immer öfter sind die DRK-Kräfte im Einsatz. Nicht nur bei den Zugankünften in Uelzen helfen sie, sie werden zur Unterstützung auch in die Nachbarlandkreise gerufen. Vor allem für die Erstuntersuchung von Flüchtlingen in geschaffenen Unterkünften werden Kräfte benötigt. DRK-Geschäftsführer Heinz Meierhoff am Dienstag, 15. September, in der AZ: "Wir stehen an der Kante."

16. September: Eine beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft bricht los: Die Menschen bringen Kleidung und Spiele zu Hilfsorganisationen wie der Diakonie. Schnell sind dafür gefundene Räume voll. Die Organisationen erklären, es müssten feste Strukturen geschaffen werden.

17. September: Der frühere BGS-Standort in Bad Bodenteich wird erstmal als mögliches Aufnahmezentrum für Flüchtlinge in den Blick genommen.

21. September: Das Land bleibt dabei: Uelzen sei kein offizielles Verteilungszentrum für Flüchtlinge. Das soll Oerbke sein, die Kaserne im Heidekreis verfügt über einen eigenen Bahngleisanschluss. Nur sind die Gleisanlage noch nicht elektrifiziert. De facto ist Uelzen Verteilungszentrum: Für den Folgetag wird die Ankunft eines weiteren Zuges angekündigt.

22. September: In Nickelsdorf an der österreichisch-ungarischen Grenze hat ein Sonderzug 530 Flüchtlinge aufgenommen, gegen 7 Uhr am 23. September soll er nach der Fahrt durch die Nacht in Uelzen ankommen. Im Minutentakt ändert sich die Ankunftszeit. Es herrscht Chaos: In Uelzen ist der Landkreis zuständig, Mitarbeiter erhalten Ankunftszeiten vom Innenministerium, das DRK wird über diese Ankunftszeiten von Ersthelfern im Zug informiert und über die Lautsprecher des Bahnhofs erfolgen wieder andere Angaben. Busse stehen zum Weitertransport bereit, als die Flüchtlinge um 11.30 Uhr ankommen. Sie bleiben aber weitestgehend leer. Die Flüchtlinge gehen ihre eigenen Wege.

23. September: Ankunft des nächsten Flüchtlingszuges mit 400 Menschen, darunter 100 Kinder, in den späten Abendstunden. 22 Stunden haben die Flüchtlinge in dem Zug zugebracht. Neun Stunden länger als geplant. Es gibt zunächst medizinische Notfälle an Bord. Bei einer Gruppe von Menschen besteht der Verdacht, dass sie an der Hautkrankheit Krätze leiden. Noch auf der Strecke kommt es zu einer weiteren Zwangspause, weil die Lok einen Schaden hat. Durch die Verspätung fehlen in Uelzen inzwischen die freiwilligen Dolmetscher. Das Land kündigt Ersatz an, der nicht kommt. Die Menschen steigen schließlich völlig übermüdet in die bereitgestellten Busse. Uelzens Erster Kreisrat Uwe Liestmann zieht die Notbremse und erklärt, dass ein bereits für den Folgetag wieder angekündigter Zug nicht zu bewältigen sei.

26. September: Hamburg zählt immer mehr Flüchtlingsankünfte. Damit sich Flüchtlinge von Uelzen aus, wo auch an diesem Tag wieder ein Sonderzug erwartet wird, nicht auf eigene Faust auf den Weg in die Elbmetropole machen, sondern in bereitgestellte Busse steigen, kommen erstmals Soldaten zum Einsatz.

10. Oktober: Der Landkreis Uelzen hat einen festen Koordinierungsstab eingerichtet, der die Versorgung der Menschen am Bahnhof sicherstellt. Der Name: Taskforce für Flüchtlinge. Ihr gehören Vertreter der Stadt, des Landkreises, des DRK, der Feuerwehren sowie der Landes- und Bundespolizei an. Bei Zugankünften versehen nun regelmäßig Soldaten ihren Dienst; sie weisen auch an diesem Tag Männern, Frauen und Kindern den Weg zu den Bussen.

Das Land nennt Uelzen als einen von drei Standorten für einen festen Verteilerpunkt von Flüchtlingen. Das ehemalige Postgebäude im vorderen Bereich des Bahnhofsgeländes könnte dazu genutzt werden. Schließlich kommt das Innenministerium aber am 19. Oktober zu dem Ergebnis, Laatzen zum Drehkreuz zu machen. Damit enden in Uelzen die Ankünfte der Sonderzüge. Zunehmend steigen aber die Zahlen der in Uelzen unterzubringenden Flüchtlinge. Der Landkreis verwandelt in den Folgetagen die Turnhallen der früheren Pestalozzischule und des Lessing-Gymnasiums in Notunterkünfte.

Von Norman Reuter

Ankunft von Flüchtlingen im September 2015 in Uelzen

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