„Tschernobyl-Kinder betreuen reicht nicht“

Die Demonstranten spielten am Sonnabend in der Uelzener Innenstadt den Ernstfall: Dutzende sanken bei einem so genannten Die-In in der Gudesstraße aufs Straßenpflaster, als ein Atomunfall simuliert wurde.

Uelzen - Von Jürgen Köhler-Götze. In einem Punkt waren sich Demonstranten und Polizei einig: „Es sind rund 100 Menschen mehr bei der Demonstration auf der Straße als bei der letzten Castor-Demo.“ Lediglich bei den absoluten Zahlen gehen die Angaben auseinander: Etwa 500 schätzt Bernd Ebeling, Sprecher der BI gegen Atomanlagen Uelzen, während der Einsatzleiter der Polizei genau 360 gezählt hat, die gegen die Atompolitik der Regierung demonstrierten.

Als erster Redner machte es Ebeling kurz: „Es ist alles zum Thema gesagt und damit beende ich meine Rede!“ Die fünfte Jahreszeit hat in der Region begonnen. Ab dem kommenden Wochenende rollt der Castortransport von Frankreich nach Gorleben und die auffällig bunt gemischte Menge vom ergrauten Politkämpen bis hin zum Schüler war gekommen, sich auf diesen Termin einzustimmen. „Von unseren Beamten sind zwischen 60 und 70 Prozent auch gegen die Atompolitik“, verrät ein Beamter. So gesehen dürfte die Zahl derer, die dagegen waren, wohl doch eher über 500 gelegen haben.

So oder so, man trifft sich im Wendland wieder und damit es dabei einigermaßen friedlich bleibt, übergab die Bürgerinitiative einen offenen Brief an das Polizeikommissariat Uelzen, in dem die Polizisten, stellvertretend für alle Polizeibeamten, die bei Castor im Einsatz sind, gebeten werden, die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren und mäßigend auf ihre Kollegen einzuwirken. „In erster Linie ist es nicht ihre Aufgabe, den Castor zu schützen“, heißt es dort, „sondern das Leben und die Grundrechte der Menschen in unserem freiheitlich-demokratisch verfassten Rechtsstaat.“

Und in Anspielung auf Berichte von Polizeibeamten in Stuttgart, es sei gängige Praxis, Provokateure in die Reihen der Demonstranten zu schleusen, die dringende Bitte: „Lassen Sie sich nicht provozieren – der Vermummte vor Ihnen ist möglicherweise ein Kollege aus den eigenen Reihen!“

Spektakulär sanken dutzende Demonstranten bei einem Die-In in der Gudesstraße aufs Straßenpflaster, als ein Atomunfall simuliert wurde. Wie in einem Krimi wurden die Umrisse der „Opfer“ mit Kreide auf dem Boden markiert.

Jochen Stay, Sprecher der BI Ausgestrahlt, warnte vor, es werde am kommenden Wochenende nicht nur die allseits bekannte Großdemo in Dannenberg geben, sondern auch noch eine zweite: „Eine Menschenkette hatten wir schon. Am Samstag werden wir im Wendland eine gewaltige Autokette haben“, geformt von all denen, die nicht mit Bussen zur Kundgebung fahren.

In Uelzen fahren die Busse zur Kundgebung vom Busbahnhof am Hundertwasserbahnhof ab. Anmeldungen unter der Telefonnummer (0 58 05) 9 81 9 72 sind dringend angeraten. Im Übrigen, so Stay, begebe man sich nicht in Gefahr, wenn man demonstriere und auch nicht, wenn man zivilen Ungehorsam übe: „Die Polizei wird nur den Verkehr regeln. Wenn ich mein Auto falsch parke, darf die Polizei es abschleppen, aber nicht demolieren. Das gilt auch, wenn ich meinen Hintern falsch parke.“

„Biblisch, einfach und klar“ die Rede von Alt-Propst Hans-Wilhelm Hube: „Alle paar Jahre Tschernobyl-Kinder zu betreuen, reicht nicht.“

Die Position der evangelischen Kirche ist bereits seit 1982: „Die Nutzung des Atoms ist nicht mit dem Auftrag des Menschen vereinbar, die Schöpfung zu bewahren. Wir überschreiten damit das menschliche Maß.“

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