Das Testament war schon geschrieben

Die EHEC-Patientinnen Daniela Rühltz (links) und Susanne Berg werden in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) behandelt. Fotos: dpa

Hannover/Lüchow. Die EHEC-Welle ebbt langsam ab. In der Medizinischen Hochschule hoffen nun viele Patienten nach angstvollen Wochen auf ihre Entlassung. Susanne Berg machte in der Klinik sogar vorsorglich ihr Testament. Doch nicht alle hatten soviel Glück wie sie.

Auf dem Tisch am Krankenbett liegt ein angebissenes Stück Kuchen, die Decke ist beiseitegeschoben – Susanne Berg strahlt, sie hat das Schlimmste überstanden. Die 48-Jährige Krankenschwester aus der Nähe von Lüchow-Dannenberg ist eine von mehreren tausend Menschen gewesen, die in den vergangenen Wochen an EHEC erkrankten. Sie schwebte zwischen Leben und Tod – und nicht alle hatten soviel Glück wie zierliche Frau aus dem Wendland. „Ich habe hier im Krankenhaus mein Nottestament gemacht. Mein Mann und ich hatten nie darüber gesprochen, wie ich beerdigt werden will“, berichtet sie.

Fast seit vier Wochen liegt die EHEC-Patientin inzwischen in der Medizinischen Hochschule Hannover – zuerst auf der Intensivstation, nun auf der Normalstation. „Man kann sich nicht vorstellen, was das für Ängste sind. Ich hatte einen Haufen Komplikationen. Meine Organe sind angeschwollen, ich bekam keine Luft“, erinnert sich Susanne Berg.

Ihre größte Sorge: Für immer Schäden an den Nieren zu behalten und damit auf Blutwäsche angewiesen zu sein. Doch diese Angst weicht inzwischen immer mehr der Hoffnung: Zwar hat Susanne Berg noch einen Katheter an ihrem Hals, an die Dialyse musste sie aber seit Tagen nicht mehr. „Ich habe vor Freude geweint, als ich das erste Mal wieder zur Toilette konnte.“

Ihre Bettnachbarin Daniela Rühltz aus Lüneburg, die ebenfalls an der besonders schweren EHEC-Variate HUS erkrankt ist, hatte anders als Susanne Berg auch neurologische Ausfälle. „Ich kann mich an einige Tage gar nicht erinnern. Ich hatte Probleme beim Sprechen, Rechnen oder Greifen. Schreiben fällt mir immer noch schwer“, sagt die 36-Jährige. Beim Gedanken an ein Missgeschick auf der Intensivstation muss die Buchhalterin immer noch schmunzeln: „Beim ersten Joghurt ging mir alles daneben.“

Ihre Angehörigen sehen beide Frauen seit EHEC nur komplett in grün oder gelb eingewickelt – Kittel und Handschuhe sind am Krankenbett Pflicht.

Was die Patientinnen täglich amüsiert, bringt die Familien zugleich in finanzielle Schwierigkeiten. „Mein Mann fährt jeden Tag 300 Kilometer von Lüchow nach Hannover. Arbeiten kann er darum derzeit nur halbtags“, erklärt Susanne Berg die schwierige Situation.

Nun hoffen beide Frauen auf ihre Entlassung. Normalität kehrt für sie dann aber noch nicht ein – die beiden müssen danach in eine Reha-Klinik, unter anderem zum Muskelaufbau. Durch das lange Liegen sind die Frauen geschwächt. „Für jeden Tag, den ein Patient bettlägerig auf der Intensivstation verbringt, rechnet man fünf bis sieben Tage Rehabilitation, um den Ausgangszustand wieder herzustellen“, erklärt Jan Kielstein, Nierenspezialist der MHH.

Etwa ein Jahr lang behalten die Ärzte die Genesenen dann noch im Auge – in den ersten vier Wochen nach der Entlassung werden wöchentlich Blut und Allgemeinzustand untersucht.

Abhängig von der Nierenfunktion können weitere Termine folgen. Kielstein: „Aus früheren Untersuchungen wissen wir, dass es Folgeschäden an der Niere und neurologische Störungen geben kann. Bei dieser Epidemie sollte man auch die Möglichkeit posttraumatischer Verhaltensstörungen im Hinterkopf behalten.“

Von Wiebke Brütt

Kommentare