Tempo 50 und drei Lokomotiven

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Der Eurocity Wawel im Stendaler Bahnhof – nach Berlin fährt er auf der ICE-Schnellstrecke, doch dann beginnt die Zockelei. Und die polnischen Waggons verheißen wenig Fahrkomfort.

Uelzen - Von Thomas Mitzlaff. Die Freude darüber, dass der Eurocity Wawel ausnahmsweise einmal pünktlich einrollt, währt nur kurz bei den mehreren Dutzend Fahrgästen, die im Bahnhof Berlin-Südkreuz auf den Zug nach Uelzen warten. Stamm-Nutzer des Wawel ahnen schon beim Einsteigen, dass der leere letzte Waggon nichts Gutes verheißt. Ein Techniker der Bahn steigt mit ein und werkelt, dann die Durchsage: Die Weiterfahrt verzögere sich um zehn Minuten, weil ein Wagen abgehängt werden müsse. Aus den zehn Minuten wird schließlich eine halbe Stunde, Uelzen wird mit 40 Minuten Verspätung erreicht – in einem Zug, in dem es heiß ist wie in der Sauna und in dem die Toiletten verstopft sind.

Eine Direktverbindung von Hamburg über Salzwedel, Stendal und Berlin nach Krakau – mit großem Bahnhof war das Zeitalter des Wawel vor knapp zwei Jahrzehnten eingeläutet worden. Doch die Euphorie ist längst der Ernüchterung gewichen. Nur noch vier Waggons, kein Bordbistro, Verspätungen von bis zu zwei Stunden und eine elend langsame Zockelei auf polnischem Gebiet mit Tempo 50 – und mittlerweile ist der Wawel nicht mehr nur in Sachen Pünktlichkeit, sondern auch beim Komfort ein Fiasko.

Denn die beiden polnischen Wagen, die für diesen Zug eingesetzt werden, sind für eine Fahrt im deutschen Stromkreis eigentlich ungeeignet. Also fällt der Strom regelmäßig aus – und mit ihm die Klimaanlage, die elektrischen Türen und das Licht. Den Fahrgästen bleibt dann nichts anderes übrig, als sich in den letzten verbliebenen Zweite-Klasse-Wagen der Deutschen Bahn zu zwängen, oftmals wird deshalb auch der Erste-Klasse-Waggon für diese Reisenden freigegeben.

„Wir haben bereits eine gesonderte Meldeschiene aufgebaut, um Wagenmängel direkt der polnischen Bahn mitzuteilen“, erklärt Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis. Doch auf polnischer Seite ist man nach AZ-Recherche auch nicht sonderlich interessiert, diese Verbindung aufrecht zu erhalten. Einen rein deutschen Zug kann die Bahn auch nicht einsetzen – im Fuhrpark gibt es wegen eines groß angelegten Modernisierungsprogramms keine Reserven mehr. In Polen selbst ist zusätzlich das Schienenetz marode. Gleich zwei Mal muss deshalb auf der Fahrt nach Krakau die Lok gewechselt werden. Zunächst bekommen die vier Waggons eine polnische E-Lokomotive, später dann eine Diesellok. Und so braucht der Wawel für knapp 140 Kilometer Strecke weit über zwei Stunden.

Dennoch ist er für Reisende nach Krakau eine Alternative zum Flugzeug, denn mit dem Flieger muss man den Umweg über Warschau nehmen. Und die Bahn ist zuversichtlich, dass sich zumindest in Sachen Pünktlichkeit etwas bewegt: Im Mai soll eine Großbaustelle zwischen Berlin und Cottbus beseitigt sein.

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