„Tatbestand der Nötigung“

Atomkraftgegner aus Uelzen und Lüneburg demonstrierten in Pudripp.

Pudripp - Von Jürgen Köhler-Götze. „Wenn das Auto nicht zur Seite gefahren wird, dann erfüllt das den Tatbestand der Nötigung und Sie zwingen uns zum Eingreifen“, kam es unmissverständlich von einem Polizeibeamten. Dabei stand das Auto überkorrekt geparkt auf einem öffentlichen Parkplatz, lange bevor die Kundgebung auf der B 191 beim Eisenbahnviadukt bei Pudripp gegen die Wiederaufnahme der Erkundungsarbeiten am Salzstock von Gorleben begonnen hatte.

Die Bundesstraße war kurz nach 10 Uhr am Sonnabend dicht, blockiert von rund 20 Treckern und gut 150 Kundgebungsteilnehmern, vor allem aus Uelzen und Lüneburg. Die Blockadeaktion war lange im Voraus angekündigt worden, wie auch die Blockaden in Göhrde, Hohenvolkfien und Bergen (Dumme). Nach Angaben der Polizei demonstrierten im gesamten Wendland rund 600 Menschen. Schon seit den frühen Morgenstunden wurden Autofahrer über den Verkehrsfunk gewarnt, dass überall im Wendland mit Protestaktionen zu rechnen sei. „Weiträumig umfahren“, war der Ratschlag des NDR. Bei Pudripp ging es nur ums kleinräumige Umfahren: Drei Lastwagen saßen fest und konnten auf dem Parkplatz nicht wenden. Letztendlich wurde auch dem Polizeibeamten klar, dass so recht von Nötigung nicht die Rede sein konnte, denn dazu gehört Vorsatz. Der Vorsatz der Fahrerin aber war gewesen, im Wald Pilze zu sammeln, wie sich später herausstellte.

Es blieb der einzige kleine Aufreger am Rande der Blockade. „Es gibt ein Recht auf freie Meinungsäußerung“, hatte die Polizeisprecherin im Interview gesagt. Das sei recht hoch angesiedelt und da müsse man den Autofahrern auch mal einen Umweg von ein paar Minuten zumuten können. Man hätte auch übersetzen können: Bloß nicht schon wieder Schlagzeilen wie in Stuttgart. So traf man denn auf fast durchweg gut gelaunte Polizisten. Konfrontation, so viel war klar, war am Sonnabend nicht angesagt. Die fröstelig brummelnde Begrüßung einer Kundgebungsteilnehmerin: „Seid ihr auch alle heute so gewaltbereit wie ich?“ brachte sogar einen Polizisten zum Lachen. Der gleiche Beamte schaute kurz darauf ein wenig verdutzt, als die Trecker mit Republik Freies Wendland- und Anti-AKW-Fahnen nicht etwa die Prudripper Kreuzung blockierten, sondern zum Viadukt weiterfuhren. „Was macht ihr denn? Wollt ihr hier nicht blockieren?“ Mehr als ein grinsendes Schulterzucken hat er nicht geerntet. Exakt unter dem Viadukt stoppte der Trecker-Konvoi und oben seilten sich bereits die Aktivisten von Contratom mit Transparenten ab.

Die Polizei beschränkte sich auf die Verkehrsregelung und auf das Dokumentieren der Aktion. Direkt unter dem Atomklo, auf dem die Kanzlerin thronte, köchelte kurz darauf die Suppe, die zumindest für kurze Zeit gegen die klammen Finger half. Weiter hinten brannte ein Holzfeuer, nicht als Barrikade, sondern im Transportaufsatz eines Treckers. Ein wenig „Weißt du noch“-Stimmung, es hatte etwas von Wochenendausflug der Anti-Atom-Bewegung. Scherze über einen Polizeiwagen, der quer auf der B 191 stand: „Schön, dass die sich jetzt auch querstellen…“ Scherze auch über die nicht mehr befahrene Bahnstrecke. „Da kann man doch schon mal üben, wie man die Schienen am schnellsten loskriegt. Damit es dann im November schneller geht.“ Und die Gewissheit auf beiden Seiten, dass es so entspannt nicht bleiben wird, dass es ein heißer Herbst werden wird, wenn der Castor erst wieder rollt.

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