Voraussichtlich ab Juni werden bei der GEKA weitere 370 Tonnen Reststoffe angeliefert

Syriens C-Waffen in Munster entschärft

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Munitionsschrott liegt in einem Container auf dem Gelände der GEKA.

dpa Munster. Auf schier endlosen Betonpisten geht die Fahrt entlang des militärischen Sperrgebiets bei Munster in der Lüneburger Heide. Das Donnern von Panzergeschützen ist zu hören, nachts durchstreifen hier Wölfe die weiten Kiefernwälder des Truppenübungsplatzes.

Links und rechts warnen Schilder: „Militärischer Sicherheitsbereich“ und „Halt! Scharfschießen“, dann gar „Kontaminiertes Gelände. Betreten und Befahren verboten!“. Schließlich kommen die Werks-hallen der Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten mbH (GEKA) in den Blick. Die Firma ist das einzige deutsche Unternehmen mit der Berechtigung zur groß angelegten Vernichtung von Chemiewaffen.

Auf blauen Fässern mit Verbrennungsabfällen kleben Totenköpfe als Gefahrenhinweis.

„Voraussichtlich von Juni an werden bei uns 370 Tonnen Reststoffe von Chemiewaffen aus Syrien vernichtet“, sagt Geschäftsführer Jan Gerhard. Die Substanzen kommen von einem Spezialschiff der Amerikaner im Mittelmeer. Auf der „MV Cape Ray“ wird mit Wasser das auch Senfgas oder Gelbkreuz genannte S-Lost bei der sogenannten Hydrolyse zu weniger gefährlichen Substanzen aufgespalten. Die dabei entstehende Salzsäure wird mit Natronlauge neutralisiert. Stark verdünnt sollen die Flüssigkeiten dann per Schiff und Lastwagen nach Munster gebracht werden. „Das ist ein Routinefall für den Straßentransport“, sagt der technische Geschäftsführer Andreas Krüger, eine Bedrohung für die Bevölkerung bestehe nicht. Die Stoffe seien noch gefährlich, aber keine Kampfmittel. „Noch 2014 soll die Vernichtung abgeschlossen sein, es wird etwa fünf Monate dauern.“

Wie die Reststoffe in einem der Verbrennungsöfen in Munster entsorgt werden sollen, wurde gestern zahlreichen Journalisten vorgeführt. Im Kontrollraum sitzen zwei Techniker in blauen Overalls vor 15 Computermonitoren und ebenso vielen Bildschirmen von Überwachungskameras. Kamera 23 zeigt das Feuer im Innern von Verbrennungsofen VA-Eins, in dem die Substanzen aus Syrien verarbeitet werden sollen. „Die Plasmaöfen laufen bei uns rund um die Uhr“, sagt GEKA-Mitarbeiter Ulrich Stiene.

Verbrennungsofen VA-Eins steht in einer kleinen Werkshalle, ein silberner Edelstahlzylinder von etwa vier Metern Durchmesser. „Das Material aus Syrien wird bei ungefähr 1000 Grad eingesprüht und ist in Sekunden verbrannt“, sagt Stiene. „Da bleibt so gut wie gar nix übrig“, ergänzt sein Kollege Ralf Saelzer. „Am Ende bleiben nur etwa zwei bis drei Tonnen Salz, das in Fässer gefüllt und dann in einem Salzbergwerk in Thüringen eingelagert wird“, präzisiert Stiene.

Die 1997 gegründete GEKA ist eine Bundesgesellschaft ohne kommerzielle Interessen. Sie untersteht dem Verteidigungsministerium und hat etwa 140 Mitarbeiter. Ihre Entsorgungsöfen wurden zum Vorbild auch für andere Großanlagen etwa in Russland. Steuermittel von rund 17 Millionen Euro fließen jedes Jahr nach Munster.

Der Standort hat historische Gründe – in den beiden Weltkriegen wurde hier Giftgas produziert, auch S-Lost, wie es derzeit aus Syrien abtransportiert wird. „Wir sind hier in Munster ansässig, weil das Gelände einst weiträumig kontaminiert worden ist“, sagt Gerhard. Nach vielen Tests und einer gewaltigen Explosion im Jahre 1919 müsse der Erdboden sorgfältig gereinigt werden.

Vor einer anderen Halle auf dem weitläufigen Areal stehen Container voll ausgebrannter und verrosteter Granathülsen, daneben in Scheiben zersägte Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als 5000 Tonnen Erdboden und Munition schafft die GEKA im Jahr. „Unsere Arbeit wird noch Jahrzehnte dauern“, sagt Jan Gerhard auf dem Weg zurück zum Hauptgebäude.

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