Dr. Birgit Studtmann spricht in der Psychiatrischen Klinik zu neuem Umgang mit Abhängigkeitsproblemen

Die Sucht wird vielfältiger

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Dr. Birgit Studtmann spricht anlässlich des Gesundheitstages in der Psychiatrischen Klinik unter anderem darüber, dass man mit einem neuen Ansatz in der Medizin davon wegkommen will, Menschen mit Suchtstörungen zu stigmatisieren.

Uelzen. Wie geht man am besten mit Suchterkrankungen um, wie kann man Suchtkranken am besten helfen? Zu diesen und anderen Fragen rund um das Thema Abhängigkeitsprobleme spricht Dr. Birgit Studtmann am Gesundheitstag in der Psychiatrischen Klinik am kommenden Mittwoch.

AZ-Redakteur Steffen Kahl hat mit der Oberärztin des Fachbereichs Psychiatrie und Psychotherapie vorab zum Thema gesprochen.

Frau Studtmann, an wen richtet sich ihr Vortrag? 

Auf jeden Fall nicht nur an ein Fachpublikum, sondern auch an interessierte Laien. Das können Betroffene sein oder Angehörige von Betroffenen, Arbeitgeber, Sozialarbeiter – das Problem zeigt sich in allen Schichten und Berufsgruppen, Sucht betrifft viele, beruflich und privat!

Wie stellt sich das Problem in Uelzen dar, wen behandeln Sie in der Klinik? 

Einerseits behandeln wir Menschen mit dem klaren Wunsch einer Entgiftungsbehandlung. Dann kommen Menschen zu uns mit Ängsten, Depressionen, Überforderungserleben und unklarem Ausmaß eines Suchtmittelkonsums. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihr normales Leben nicht mehr auf die Reihe kriegen.

Ist das auf bestimmte Substanzen beschränkt?

Abhängigkeitsprobleme sind noch nicht einmal auf Substanzen beschränkt. Zwar behandeln wir überwiegend Menschen mit einem Alkohol-Problem, die typischerweise um die 50 Jahre alt sind. Aber rund ein Drittel unserer Patienten ist zwischen 18 und Ende zwanzig und hat einen Mischkonsum aus Alkohol und Marihuana plus an Wochenenden Ecstasy, Amphetamine und Kokain. Dazu kommt, dass gegenwärtig nicht-stoffgebundene Suchtprobleme wichtiger werden. Der Klassiker ist das Glücksspiel, wir merken aber, dass die Sucht nach Online-Spielen oder sozialen Medien eine größere Bedeutung bekommt.

Wie groß ist dieses Problem?

Aus Asien kennt man Fälle, dass jemand beim Spielen in einem Internet-Cafè gestorben ist und als er nach zwei Tagen rausgetragen wurde, haben die Spieler um ihn herum nicht mal hochgeguckt. So weit sind wir hier noch nicht, aber es gibt Menschen, für die es selbstverständlich ist, dass sie morgens als erstes den PC anschalten und ein Rollenspiel spielen. Die abends nicht runterkommen, weil sie von Kurznachrichten unter Spannung gehalten werden. Die dann schlecht schlafen, keinen normalen Tag-Nacht-Rhythmus mehr haben und dadurch diverse, auch psychische, Probleme bekommen.

Darum geht es in ihrem Vortrag?

Nur am Rande. Ich setze einen anderen Schwerpunkt. Es geht mir darum, wie man süchtig wird, wie Drogen auf unser Belohnungssystem wirken und vor allem darum, wie wir Sucht definieren und klassifizieren. Es gibt da einen noch relativ neuen Ansatz aus den USA. Bisher war man aus medizinischer Sicht entweder alkoholabhängig oder nicht. Die Sucht wurde sehr stigmatisiert. Mit dem Effekt, dass es eine sehr hohe Hemmschwelle gab, sich Hilfe für sein Problem zu suchen. In der Medizin gehen wir jetzt dazu über, von Substanzgebrauchsstörungen unterschiedlichen Schweregrads zu sprechen und individueller zu therapieren.

Was bedeutet das für Patienten?

Zum einen, dass die Stigmatisierung so nicht mehr besteht. Bezogen auf Alkoholismus – nach wie vor unsere Hauptklientel, wie gesagt – müssen wir jetzt nicht mehr sagen: „Du bist krank, bist Alkoholiker und darfst nie wieder einen Tropfen trinken.“ Sondern wir können beispielsweise argumentieren, dass ein Konsum in der Menge in der individuellen Situation gerade nicht gut tut.

Welchen Effekt erhoffen Sie sich von diesem Ansatz?

Bisher kommen die Menschen sehr spät zu uns. Das könnte sich ändern, das soll sich ändern. Je früher Menschen mit Suchtproblemen behandelt werden, desto besser kann man ihnen helfen. Und wir werden künftig mehr präventiv arbeiten können – das ist immer besser!

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