30 Jahre nach Tschernobyl: Jugendliche aus verstrahltem Gomel leiden an Folgen der Radioaktivität

Ein Stück Unbeschwertheit in Uelzen

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Am Sonnabend paddelten Kinder und Jugendliche aus der weißrussischen Stadt Gomel auf Einladung des Kanu-Clubs Uelzen auf der Ilmenau. Anschließend wurde zusammen gegrillt.

Uelzen/Landkreis. Essen können, was man möchte, spielen und toben können, wo man will: Für die Kinder und Jugendlichen aus der weißrussischen Stadt Gomel, die sich zurzeit im Landkreis Uelzen erholen, gehört das in ihrer Heimat oft nicht zu ihrem Alltag.

Als sich vor genau 30 Jahren die Reaktor-Katastrophe im nur 120 Kilometer entfernten Tschernobyl (Ukraine) ereignete, wurde die Region Gomel durch Niederschläge extrem radioaktiv verstrahlt.

Unterwegs auf der Ilmenau.

Aktuell hat der Gomel-Ausschuss des evangelischen Kirchenkreises 18 Kinder und Jugendliche im Jugenddorf Molzen untergebracht. Weitere junge Besucher leben in Gastfamilien. Insgesamt sind derzeit 42 Personen aus Gomel im Landkreis zu Besuch, berichtet Arno Klinder, Vorstandsmitglied im Ausschuss. Am Sonnabend waren die weißrussischen Gäste des Jugenddorfes im Alter von 8 bis 17 Jahren vom Kanu-Club Uelzen eingeladen. Mit Kanus unternahm die Gruppe eine Tour auf der Ilmenau. Der Kirchenkreis Uelzen nimmt insbesondere Kinder und Jugendliche auf, die eine oder mehrere Leukämie-Erkrankungen hinter sich haben. Wie wertvoll der Aufenthalt auch drei Jahrzehnte nach der Katastrophe ist, weiß Arno Klinder nur zu gut: „Die Menschen müssen anschließend nicht mehr so oft behandelt werden. Ihr Blutbild verbessert sich in den Wochen des Aufenthalts enorm.“

Anja Kopenkowa, Anton Platonow, Dolmetscherin Lena Narbut und Leonid Skripkin (von links) sind zurzeit in Uelzen zu Gast.

Ob ihnen klar sei, dass ihre Krankheit mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen Atomunfall zu einer Zeit zurückzuführen ist, in der sie noch nicht einmal geboren waren, wollte die AZ im Gespräch mit Anja Kopenkowa, Anton Platonow und Leonid Skripkin (alle 16) wissen: „Wir haben uns noch nie Gedanken darüber gemacht, ob das mit der Katastrophe zusammenhängen könnte“, sagt Anna Kopenkowa und Anton Platonow ergänzt: „Da wird auch nicht drüber gesprochen und wenn, dann bei privaten Anlässen, aber nicht offiziell, wie beispielsweise in der Schule.“

Alle drei Jugendlichen hatten ihre akute Krankheitsphase im Alter von fünf bis sechs Jahren zu durchleiden. „Das war eine schlimme Zeit“, erinnert sich Leonid Skripkin. „Aber die Zeit heilt. Wenn man sich gut fühlt, vergisst man schnell.“

„Vergessen“, das ist auch das Problem des Gomel-Ausschusses. Waren es früher in Spitzenzeiten Niedersachsen-weit bis zu 1400 Kinder, die mit dem Flugzeug aus Gomel kamen, sind die Zahlen 2016 mit nur noch rund 600 Kindern stark rückläufig. „Es wird immer schwieriger, Gasteltern zu finden“, sagt Klinder. Viele junge Eltern seien 1986 noch gar nicht geboren oder allenfalls im Kindergarten-Alter gewesen. Da sei der Bezug zu dem Ereignis ein ganz anderes als bei der Generation, die die Auswirkungen auch in Deutschland hautnah zu spüren bekommen habe, weiß Klinder. „Wenn wir bei jungen Familien anfragen, ob sie Gäste aus Gomel aufnehmen möchten, bekommen wir auch zu hören: ,Wie, immer noch?’“

Von Oliver Huchthausen und Jens Schopp

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