Stolpersteine für den Kopf

Dietrich Banse von der Geschichtswerkstatt, hier mit Karin Feldmann, listete die sieben ersten Geehrten namentlich auf. Foto: Kaiser

Uelzen. Es war ein Abend der Übereinstimmung. Vielleicht ist so viel Konsens im Ratssaal selten. Am Mittwochabend trafen sich die bis zum jetzigen Zeitpunkt 28 Einwohner aus Uelzen und dem Landkreis, die eine Patenschaft für einen Stolperstein zu übernehmen bereit sind.

Die AZ berichtete mehrfach über die Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig, zu der der Rat auf Antrag der SPD-Fraktion einen Beschluss fasste, Uelzener Bürger, die in der Zeit des deutschen Nationalsozialismus ermordet wurden, auf diese Weise zu ehren. Am Donnerstag, 18. August 2011, werden die ersten Steine für sieben Personen verlegt.

Die Paten dafür waren von der Stadt, „deren Anliegen es ist, diese Ehrung in Angriff zu nehmen“, wie Koordinatorin Karin Feldmann betonte, eingeladen worden, um Modalitäten zu besprechen. Uelzen wird ab August zu den 500 Städten – nicht nur in Deutschland – gehören, in der einige der inzwischen 28 000 Stolpersteine liegen.

Gunter Demnig begann mit der Aktion im Jahr 1990 in seiner Heimatstadt ohne behördliche Genehmigung. Was als Provokation gegen Verschweigen und Vergessen gedacht war, entwickelte sich mit den Jahren zum nicht ganz unumstrittenen Projekt. Während es die Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, für eine Ungeheuerlichkeit hält, dass man auf den Namen Ermordeter herumtrampeln darf, nannte ihr Stellvertreter Salomon Korn diese Art des Gedächtnisses „Erinnerung begehbar machen“.

Es gibt Städte, in denen sich die Räte unzugänglich zeigten, Stolpersteine mit Bürgerbegehren jedoch erzwungen wurden. Uelzen stellt sich per Ratsbeschluss seiner Vergangenheit. Dietrich Banse von der Geschichtswerkstatt listete die sieben ersten Geehrten namentlich.

Kritik wurde laut, weil die Einschränkung des Künstlers bei seinem Projekt ein Überleben des Genannten ausschließt; ein Stein also nicht für Menschen jeglicher Glaubensrichtung oder politischen Engagements in Frage kommt, die die Naziherrschaft überstanden.

Dietrich Banse unterstrich, dass es jetzt auch Aufgabe sei, an diejenigen zu erinnern, die im weiteren Sinne Opfer der braunen Gewaltherrschaft wurden. „Das ist bis jetzt leider nicht so geschehen, wie es nötig wäre“, sagte er und benannte Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafter. Die Reihe wäre zu verlängern mit Sinti und Roma, Homosexuellen, Vertretern der Bekennenden Kirche, Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern… Eine Anmerkung aus der Initiativgruppe, die sich im Zusammenhang mit dem Streit um die Farinastraße gebildet hatte, könnte hoffnungsvoll in diese Richtung weisen: Man sei dabei, so ihr Sprecher, einen Stadtrundgang über die Zeit 1933/45 zu erarbeiten.

„Es ist schmerzhaft, den Stolperstein zu legen“, bekannte Gunter Demnig. „Aber es ist auch gut. Weil dann etwas zurückkehrt – die Erinnerung.“ Und genau diese, unsere Erinnerung haben weit mehr Uelzener Bürger verdient, weil sie bis heute noch namenlos blieben.

Von Barbara Kaiser

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