Von Woche zu Woche

Die stillen Helden dieser Zeit

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Es verändert sich etwas in diesen Wochen und Monaten in Deutschland. Wohl jeder spürt das, auch auf dem Lande.

Thomas Mitzlaff

Zwar haben wir hier noch keine überfüllten Turnhallen und – Gott sei dank – keine fremdenfeindlichen Aktionen. Aber natürlich fallen die Menschen auf, die es vorher nicht gab in den Ortschaften, die zunächst scheu und in kleinen Gruppen aus ihren neuen Unterkünften treten und sich in ihrer neuen Welt erst einmal zurechtfinden müssen. Da sind die Einwohner, von denen die ganz überwiegende Zahl grundsätzlich hilfsbereit ist und die Flüchtlinge unterstützen möchte, von denen viele aber unsicher sind, wie sie den Neuankömmlingen gegenübertreten sollen und wie sie konkret helfen können.

Da sind die vielen ehrenamtlichen Helfer, ohne deren Engagement das Betreuungssystem für die Flüchtlinge vor Ort längst zusammengebrochen wäre und die die stillen Helden dieser Zeit sind.

Da ist die so genannte „große Politik“, die nach öffentlichkeitswirksamen Auftritten in Heidenau und anderswo endlich mal durch Taten glänzen und die Kommunen vor Ort nicht länger im Stich lassen sollte mit dem Flüchtlingsstrom.

Und da sind nicht zuletzt auch die Journalisten, die eine besondere Verantwortung haben bei diesem Thema – gerade auch im Lokalen vor Ort.

Soll man einer CDU in Bad Bodenteich Raum geben, die in einem Brandbrief an den Landkreis Uelzen ungeniert schreibt, „eine Hand wäscht die andere“ und als Gegenleistung für ein reibungsloses Miteinander bei der Unterbringung von Flüchtlingen unter anderem fordert, dass eine Betreuung von Flüchtlingskindern in Kitas nicht zu Lasten der eigenen Kinder gehen darf?

Auch solche beschämenden Auswüchse bleiben in der Flüchtlingsdebatte nicht aus, diese Zeitung hat nach intensiver Diskussion entschieden, solch Entgleisungen keinen Platz zu geben.

Doch auch andere Nachrichten bekommen einen neuen Stellenwert in Zeiten, in denen Hunderttausende Flüchtlinge aus verschiedensten Gründen nach Westeuropa und Deutschland strömen.

Wie soll man damit umgehen, dass ein 24-jähriger Wolfsburger Fußballer für knapp 80 Millionen Euro nach England wechselt und dort künftig knapp 55 000 Euro am Tag(!) verdienen soll – eine Summe, für die ein Familienvater ein ganzes Jahr im VW-Werk am Band schuften muss.

Ist es überhaupt noch legitim, eine solch kranke Entwicklung in diesen Zeiten in der Tageszeitung breit darzustellen, als sei sie eine Nachricht wie jede andere?

Der Flüchtlingsstrom wird nicht abebben in den nächsten Monaten und Jahren, er wird unsere Gesellschaft verändern. Das ist eine Chance, gerade auch auf dem Lande. Sie zu be- und zu ergreifen ist eine große Herausforderung. Doch das große Entgegenkommen der Bevölkerung macht Mut, dass dies zu schaffen ist.

Von Thomas Mitzlaff

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