Staub, Schutt und Popmusik

Eine Großbaustelle ist zurzeit das denkmalgeschützte alte Rathaus. Der Umbau dauert voraussichtlich bis Ende 2011.

Uelzen - Von Bernd Schossadowski. Hammerschläge hallen dumpf durch das leer geräumte alte Uelzener Rathaus. Plötzlich dröhnt eine Motorsäge, fahren Schaufelblätter knirschend über den mit Bauschutt bedeckten Boden. Über allem liegt laute Popmusik aus einem von den Bauarbeitern mitgebrachten Radio – und dazu Staub, Staub und nochmals Staub.

Kein Zweifel: Der Umbau des alten Rathauses hat begonnen. Das denkmalgeschützte Gebäude, dessen älteste Teile von 1347 stammen, soll zum neuen Domizil der Kreisvolkshochschule werden. Voraussichtlich bis Ende 2011 wird der Umbau dauern. Der Bildungsträger könnte dann im Frühjahr 2012 einziehen, so die Hoffnung der Stadt Uelzen.

Doch bevor es soweit ist, müssen die alten Wand- und Deckenverkleidungen abgerissen werden. Dabei fördern die Arbeiter mitunter Überraschendes zu Tage. Zum Beispiel mit Stroh ummantelte Lehmwände aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Oder eine bisher verborgene Wandbemalung: ein Ornament aus dunkelgrünen Eichenblättern und braunen Eicheln. Ganz zu schweigen von einer Schicht längst vergilbten Zeitungspapiers, das hinter einer alten Tapete zum Vorschein kommt.

Die Arbeiten dienen aber nicht nur der Entkernung des Gebäudes. „Es soll auch untersucht und dokumentiert werden, wo sich erhaltenswerte historische Bausubstanz befindet“, erklärt Mathias Hille, Juniorchef des mit Planung und Umbau beauftragten Bad Bevenser Architektenbüros Hille.

An den Untersuchungen beteiligt sind auch Uelzens Stadtarchäologe Dr. Fred Mahler, Experten des Landesamtes für Denkmalpflege und ein Bauforscher von der Arbeitsgemeinschaft Altstadt Wolfenbüttel. „Unser Ziel ist, Informationen über die älteste Bauphase des Gebäudes bekommen“, erklärt Mahler. Dazu sind für die kommenden Monate unter anderem Grabungen im Bodenbereich geplant. „Wir hoffen, dabei die historischen Fußböden zu finden“, berichtet der Archäologe.

Es ist eine spannende Zeitreise in die Baugeschichte des alten Rathauses. Drei massive hölzerne Ständer aus dem Spätmittelalter hat Mahler bereits entdeckt. Daher seine Schlussfolgerung: „Im unteren Bereich des Gebäudes befand sich einmal eine große Halle.“ Geplant sind zudem bleistiftdicke Bohrungen in den Holzbalken. Dabei sollen Proben entnommen und anschließend in einem Labor untersucht werden. Anhand der Jahresringe, so Mahlers Hoffnung, lässt sich das Alter der Ständer genau bestimmen. „Das ist auf lange Zeit die letzte Gelegenheit, die Baugeschichte eines der ältesten Uelzener Gebäude zu untersuchen“, freut sich Mahler.

Er weiß aber auch: „Es ist ein Puzzlespiel sondergleichen.“ Denn das alte Rathaus mit seinen fast 1000 Quadratmetern Nutzfläche weist eine Vielzahl verschiedener Umbauphasen auf. Es gleicht einem Flickenteppich aus alten Lehmwänden, nachträglichen Holzverkleidungen und modernen Betonsteinen. „Das ist eine richtige Detektivarbeit und auch für uns sehr spannend“, meint Architekt Mathias Hille und seine Worte werden wieder von dumpfen Hammerschlägen eines Bauarbeiters verschluckt.

Wenn die Untersuchung abgeschlossen ist, beginnt im Herbst die komplette Neugestaltung des Gebäudes. Im Erdgeschoss soll ein Café für die Nutzer der Kreisvolkshochschule eingerichtet werden. Es bekommt große Glasfronten, die in die Bögen des Arkadenganges an der Bahnhofstraße eingebaut werden. Der gesamte Eingangsbereich des Gebäudes soll überdies heller und lichtdurchfluteter werden, erklärt Hille.

Bis dahin ist aber noch viel zu tun. Nicht nur Decken, Wände und der Boden müssen erneuert werden, sondern auch sämtliche elektrische Leitungen. Eingebaut werden unter anderem ein Fahrstuhl, zwei Fluchttreppen, moderne Sprossenfenster, die Wärmedämmung und Brandmelder. In seinem jetzigen Zustand erhalten bleibt nur der alte Ratssaal im ersten Stock, einschließlich seines imposanten Kachelofens von 1948.

Die Gesamtkosten für den Umbau des Gebäudes betragen rund 1,85 Millionen Euro, wobei 75 Prozent aus Ziel-1-Mitteln der EU finanziert werden sollen.

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