Angst im Dunklen muss nicht sein: Kriminalhauptkommissarin Eleonore Tatge erklärt, wie Frauen sich schützen können

„Selbstsicheres Auftreten ist wichtig!“

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Uelzen. Mit der frühen Dunkelheit begleitet viele Frauen im Winter auch die Angst vor Überfällen. Nicht selten führt sie dazu, dass gerade Frauen aus diesem Grund ihre abendlichen Aktivitäten einschränken oder zumindest ein mulmiges Gefühl haben, wenn sie sich allein auf den Heimweg machen müssen.

Doch das muss nicht sein: Wer weiß, wie er sich wehren kann, strahlt Selbstsicherheit aus und ist für potenzielle Täter als Opfer eher ungeeignet. Kriminalhauptkommissarin Eleonore Tatge hat als Beauftragte für Kriminalprävention bei der Polizeiinspektion Lüneburg/Lüchow-Dannenberg/Uelzen die Aufgabe, Straftaten zu verhüten und gibt auch Kurse, in denen Frauen lernen können, sich zu wehren. Im Interview mit der AZ erklärt die Kriminalbeamtin, wie Frauen sich vor Angriffen schützen können und wie übermäßige Ängste entstehen.

AZ: Viele Frauen haben im Winter Angst oder ein mulmiges Gefühl, wenn sie abends allein im Dunklen unterwegs sind. Woran liegt das?
Tatge: Ja, tatsächlich haben 95 Prozent der Frauen Angst. Dies liegt oft daran, dass Frauen sich nicht zutrauen, sich wehren zu können. Ich gebe seit 1994 Seminare „Gegen Gewalt an Frauen“ und habe dort festgestellt, dass der zentrale Punkt ist, dass die Frauen sich trauen sollten, sich zu wehren. Wer glaubt, dass er sich nicht wehren kann, der strahlt dies auch aus und erfüllt damit ein Kriterium, nach dem potenzielle Täter sich ihre Opfer aussuchen. Ein weiterer Grund für die Ängste der Frauen ist oft auch in der Erziehung zu finden.

AZ: Wie können Eltern ihre Kinder denn weniger ängstlich erziehen?
Tatge: Oft wird Eltern suggeriert, dass in der Dunkelheit mehr passiert als im Hellen, und sie übertragen ihre eigenen Ängste dabei auf ihre Kinder. Zum Beispiel, indem Kinder im Dunklen nicht mehr allein rausgehen dürften. Dadurch wird ihnen vermittelt, dass Dunkelheit grundsätzlich gefährlich ist. Außerdem wird Angst oft viel zu negativ bewertet, denn tatsächlich ist Angst, in einem gewissen Rahmen, eigentlich etwas Gutes. Sie hilft uns, gefährliche Situationen zu erkennen und die nötige Energie freizusetzen, um angemessen zu handeln. Wichtig ist nur, sich von der Angst nicht blockieren zu lassen.

AZ: Wie würde eine Frau sich denn angemessen verhalten, wenn sie im Dunklen allein unterwegs ist?
Tatge: In erster Linie sollten Frauen sich so vorbereiten, dass sie sich sicher fühlen. Das heißt aber nicht, dass Frauen dunklere Orte grundsätzlich meiden sollten, sondern sie gehen am besten da entlang, wo sie sich sicher fühlen. Wenn der gewohnte Weg an der Hauptstraße entlang führt, ist das natürlich gut, aber wenn Frauen sich auf einem Feldweg wohlfühlen, weil sie den Weg immer gehen, werden sie dort auch mehr Sicherheit ausstrahlen. Jede Frau ist da sehr individuell. Außerdem ist es hilfreich, seine Ängste anderen mitzuteilen und nach Möglichkeit gemeinsam zu gehen. Zum Beispiel abends nach dem Sport: Da könnten Frauen gemeinsam zum Auto gehen, wenn alle fertig sind. Allerdings muss sich dafür eine trauen, ihre Angst auszusprechen, und das fällt oft schwer.

AZ: Und was sollte eine Frau tun, wenn sie tatsächlich angegriffen, verfolgt oder angesprochen wird?
Tatge: Grundsätzlich gibt es da nicht das eine richtige Verhalten. Am wichtigsten ist es, achtsam zu sein und zu schauen, was um einen herum passiert. Denn die Täter suchen sich ihre Opfer in erster Linie nach ihrer eigenen Einschätzung, ob die Frau sich wehren wird oder nicht, aus. Wer sich nach Einschätzung des Täters wehren wird, ist für ihn nicht mehr interessant. Welche Frau ein Täter sich aussucht, hat in der Regel – entgegen vieler Annahmen – mit dem Aussehen der Frau nichts zu tun.

AZ: Wenn ich nachts eine Straße entlang gehe und merke, dass ich verfolgt werde, ist es sinnvoll, sich umzudrehen oder bringe ich mich dann erst recht in Gefahr?
Tatge: Wer sich auf der Straße verfolgt fühlt, könnte die Straßenseite wechseln und sich nicht vor sich selbst schämen, dass er Angst hat. Wenn der Verfolger daraufhin auch die Straßenseite wechselt, ist das außerdem ein klares Zeichen, dass da etwas nicht stimmt. Wenn eine Frau merkt, dass sie verfolgt wird, könnte sie sich umdrehen und nachschauen. Zum einen bedeutet dies ein aktives Einsteigen in die Situation, durch welches die Frau ein Stück weit die Opferrolle verlässt, und zum anderen hat sie den potenziellen Täter dann gesehen. Dies wird ihn einschüchtern, denn schließlich wäre die Frau nun in der Lage, im Nachhinein eine Personenbeschreibung abzugeben.

AZ: Und wenn der Täter sich unbemerkt nähert und die Frau ohne „Vorwarnung“ angegriffen wird? Soll sie sich wehren oder ist es besser, ruhig zu bleiben und „abzuwarten“?
Tatge: Tatsächlich hieß es früher immer, man solle sich lieber nicht wehren und den Angriff über sich ergehen lassen, um den Täter nicht noch aggressiver zu machen. Lange Zeit galt sinngemäß: „Wenn man sich wehrt, wird man im schlimmsten Fall sogar umgebracht.“ Diese Meinung ist allerdings längst überholt. Statistiken zeigen, dass der Täter nur in drei von 500 Fällen, in denen die Frau sich gewehrt hat, noch mehr Gewalt angewandt hat. Und nur in einem von 500 Fällen konnte die Frau den Übergriff durch ihre Gegenwehr am Ende nicht verhindern. 2010 hat ein Mann in der Uelzener Innenstadt Frauen überfallen. Alle Frauen haben sich gewehrt und der Täter hat in allen sechs Fällen nicht das bekommen, was er wollte. Schließlich wurde er gefasst. AZ: Wie könnte eine erfolgreiche Gegenwehr denn aussehen? Tatge: Das kommt natürlich drauf an, wo der Übergriff stattfindet. Wenn eine Frau in einer Kneipe angesprochen wird und das nicht möchte, sollte sie dies laut und deutlich sagen. Am besten so laut, dass es auch andere hören. Auf der Straße könnten Frauen weglaufen, wenn sie verfolgt werden oder wegfahren, wenn jemand mit dem Auto hinter ihnen herfährt. Wenn weglaufen nicht mehr möglich ist, weil der Verfolger sein Opfer von hinten überrascht und festhält, ist natürlich schnelles Handeln gefragt. Viele Frauen reagieren da sehr instinktiv und schaffen es auch, sich zu wehren. Erlaubt ist im Notfall natürlich alles, was einem gerade einfällt. Schreien, treten, um sich schlagen oder den Täter beißen sind natürlich die Klassiker. Aber ich hatte zum Beispiel auch mal eine Kursteilnehmerin, die hatte ihre Hände in den Jackentaschen, als ein Mann ihr plötzlich von hinten an den Hals griff. In ihrer Jackentasche hatte sie ein Feuerzeug und hat dem Täter damit den Bart angezündet. Das war eine tolle und vorbildliche Reaktion. Man muss bedenken, dass sich nicht nur die Frau im Moment des Angriffs in einer Angst- und Stresssituation befindet. Auch der Täter erlebt eine Schrecksekunde, wenn die Frau sich plötzlich, entgegen seiner Einschätzung, doch wehrt. Dieser kurze Moment gibt der Frau eventuell die Möglichkeit wegzulaufen.

AZ: Wenn eine Frau im Auto oder mit dem Fahrrad von einem anderen Auto verfolgt wird, was sollte sie dann tun?
Tatge: Mit dem Auto steuern verfolgte Frauen am besten ein Ziel an, wo sie Hilfe erwarten können. Restaurants sind dafür nur bedingt geeignet, da häufig noch eine Strecke vom Parkplatz bis ins Haus zurückgelegt werden muss. Auf keinen Fall sollte die Frau nach Hause fahren, um dem Verfolger nicht zu zeigen, wo sie wohnt. Gleiches gilt auch, wenn die Frau zu Fuß verfolgt wird. Wenn der Täter ihr bis in die Wohnung oder ins Treppenhaus folgt, sinken die Chancen sich zu wehren.

AZ: Welche Orte sind denn gut geeignet, um sich in Sicherheit zu bringen?
Tatge: Geöffnete Tankstellen zum Beispiel. Die sind hell, und wer an eine Tankstelle fährt, wird in der Regel sofort vom Tankwart gesehen, so dass sich kaum ein Täter traut, seinem potenziellen Opfer dahin zu folgen. Von dort aus kann dann gegebenenfalls die Polizei gerufen werden. Oder was natürlich auch immer möglich ist: direkt zur Polizei fahren. Dort wird der Täter sicherlich nicht hinterher kommen.

AZ: Ist es überhaupt sinnvoll, schon die Polizei zu rufen, wenn man sich verfolgt fühlt oder einem das Verhalten eines Menschen ungewöhnlich erscheint?
Tatge: Auf jeden Fall! Es ist gar nicht nötig, so große Hemmungen davor zu haben, die Polizei um Hilfe zu bitten. Vielleicht ist diese sogar dankbar, wenn jemand in der Lage ist, eine Personenbeschreibung abzugeben, denn es könnte ja sein, dass derartige Fälle schon öfter vorgekommen sind. Wichtig ist aber auch, dass die Frauen sich anschließend nicht schämen, wenn es sich um einen Fehlalarm gehandelt hat. Das ist schließlich vorher nicht immer genau einzuschätzen. Dann ist es besser, sich einmal öfter Hilfe zu holen, als einmal zu wenig.

AZ: Was halten sie von Pfeffersprays oder ähnlichem, um sich zu schützen?
Tatge: Von Sprays halte ich gar nichts, denn damit muss man sich gut auskennen, um sie wirkungsvoll anwenden zu können. Eine große Rolle spielt dabei zum Beispiel die Windrichtung, wodurch die Gefahr besteht, dass die Angegriffene sich im schlimmsten Fall selbst außer Gefecht setzt und der Täter sie leicht überwältigen kann. Außerdem nimmt man sich im Zweifelsfall die Möglichkeit, sich voll und ganz darauf zu konzentrieren, sich zu wehren.

AZ: Was raten Sie Frauen, die im privaten Umfeld Gewalt oder Grenzüberschreitungen erleben?
Tatge: Im Grunde das gleiche wie bei einem fremden Täter. Sicher ist die Hemmschwelle, sich zur Wehr zu setzen, bei einem bekannten Täter – einem ehemaligen Partner zum Beispiel – größer. Dadurch, dass die Frau ihn kennt, hat sie mehr Hemmungen, ihm wehzutun. Trotz allem ist es wichtig dem Täter klar zu signalisieren: „Ich bin aktiv und ich mache das, was ich möchte!“ Auch von Bekannten müssen Frauen sich nichts gefallen lassen, was sie nicht möchten. Das soziale Umfeld ist auch ein gutes Übungsfeld, um sich zu wehren. Das beginnt schon bei kleinen Grenzüberschreitungen, wie zum Beispiel einem Kollegen, der einer Frau an die Schulter oder an den Rücken fasst, wenn er mit ihr spricht. Wenn dieses Verhalten der Frau unangenehm ist, sollte sie sich nicht scheuen, sich zu wehren. Wer sich im sozialen Umfeld wehren kann, dem fällt es auch bei fremden Tätern leichter.

AZ: Passieren derartige Übergriffe denn überhaupt so oft im sozialen Umfeld?
Tatge: Ja, sogar sehr viel häufiger als vermutet. Oft machen sich Eltern, wenn ihre Töchter auf eine Feier gehen, Sorgen wie sie im Dunkeln gut nach Hause kommen. Viele wissen jedoch nicht, dass Übergriffe oder Vergewaltigungen gerade bei Jugendlichen viel öfter auf den Feiern unter Bekannten passieren, als auf dem Weg nach Hause. Allerdings wird dies aus Scham oft nicht zur Anzeige gebracht oder nicht darüber gesprochen.

AZ: Woran liegt das ihrer Meinung nach?
Tatge: Leider fällt es Frauen nach Überfällen leichter, darüber zu sprechen, wenn sie von einem Fremden angegriffen wurden. Viele Frauen haben Scham- und Schuldgefühle, wenn sie derartiges erlebt haben. Wenn der Täter aus dem sozialen Umfeld kommt, sind diese leider oft noch größer.

AZ: Sie sprachen gerade von Feiern unter Jugendlichen. Spielt denn auch Alkohol eine Rolle bei Übergriffen?
Tatge: Sicherlich senkt Alkohol die Hemmschwelle, aber eine gewisse kriminelle Energie muss schon vorher vorhanden sein. Denn in der Regel schleichen die Täter nicht durch die Gegend und beobachten Frauen, sondern sie suchen gezielt nach Situationen. Sowohl im privaten Umfeld, als auch fremde Täter. Wie gesagt, sucht er sich dabei die Frauen aus, die sich nach seiner Einschätzung nicht wehren werden.

AZ: Was empfehlen Sie Frauen denn, um dieses Selbstbewusstsein zu entwickeln und um sich im Dunklen sicherer zu fühlen?
Tatge: Ich würde jeder Frau raten, einen Selbstverteidigungskurs zu belegen. Spezielle WenDo-Kurse zeigen Frauen den Weg zu mehr Selbstbehauptung und Selbstverteidigung. Informationen zu Selbstverteidigungskursen gibt es auch bei den Frauenbeauftragten.

Von Meike Schaffranek

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