Uelzer Tafel mit neuem System: Familien und Einzelpersonen erhalten getrennt Lebensmittel

„Es sprengte unsere Arbeit“

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Gundula Zahrte (links) engagiert sich seit sechs Jahren bei der Uelzener Tafel. Mit immer mehr Tafel-Nutzern wurden die Ausgaben zu Kraftakten. Jetzt hat sie ein wenig Zeit auch für persönliche Worte.

Uelzen. Für ein paar persönliche Worte bleibt auch jetzt nur wenig Zeit: „Wie geht es der Kleinen?“, fragt Gundula Zahrte einen jungen Mann vor dem Tisch, auf dem rote Kisten mit eingepackter Wurst stehen.

Seit gut sechs Jahren engagiert sich Zahrte ehrenamtlich bei der Uelzer Tafel. Zuletzt war das eine aufreibende Aufgabe, gesteht sie. Mit der Unterbringung von immer mehr Flüchtlingen im Landkreis stieg kontinuierlich auch die Zahl der Menschen, die die Tafel in Anspruch nahmen.

Zu viele waren es schließlich. „Es sprengte die Mengen an Lebensmitteln, es sprengte die ehrenamtliche Arbeit, dass es überhaupt nicht mehr passte“, sagt Gerard Minnaard, Gründer der Uelzer Tafel. Er zog mit den rund 80 engagierten Ehrenamtlichen die Reißleine. Jetzt erfolgt die Ausgabe von Lebensmitteln in Uelzen nach einem neuen System.

Zweimal wöchentlich finden wie bisher die Ausgaben statt, bei denen Hilfsbedürftige für einen Euro Lebensmittel am Bohldamm und an der St. Petri-Kirche erhalten. Für die Verteilung am Bohldamm gilt nun aber: Die Ausgabe am Mittwoch ist für Familien und Paare gedacht, Einzelpersonen bekommen sonnabends Lebensmittel. Dazu werden Tafel-Nutzern Ausweise in unterschiedlichen Farben ausgestellt, mit denen sie sich an den unterschiedlichen Tagen anstellen können.

In der Nachbarstadt Wittingen (Landkreis Gifhorn) wurde die Ausgabe auch neu organisiert. Dort wurden unterschiedliche Termine für deutsche und ausländische Tafel-Kunden festgelegt. Der Schritt wurde mit unterschiedlichen Kulturen des Sich-Anstellens bei den Zielgruppen der Tafel begründet. Einer Zahl von Flüchtlingen sei das Schlangestehen bisher nicht zu vermitteln gewesen: „Da treten viele zu forsch auf“, so Laura Osterloh-Gailliaert, Chefin der Wittinger Tafel.

Von solchen kulturellen Problemen berichtet Gerard Minnaard für die Uelzener Tafel nicht. Doch reibungslos verliefen die Ausgaben mit bis zu 250 Bedürftigen zuletzt nicht mehr. „Es wurde zu unruhig“, sagt Minnaard.

In Uelzen hatten sich Tafel-Kunden zunächst für eine Ausgabe-Nummer am Bohldamm einzufinden. Im Anschluss erfolgte die Ausgabe ab 14 Uhr in der Reihenfolge der Nummern. „Da gab es Menschen, die haben die Nummer 250 erhalten“, so Minnaard. Entsprechend lange mussten sie warten. Jede Ausgabe wurde auch für die Helfer zum Kraftakt. „Vor 18 Uhr kamen sie nicht nach Hause und es blieb dabei keine Zeit mehr für einen freundlichen Satz“, so Minnaard. So wurde nach neuen Wegen der Essensausgabe gesucht – Minnaard schaute sich Konzepte der Tafeln in Deutschland an.

Wer erlebt, wie die Ausgabe nach neuem System funktioniert, kann sich kaum ausmalen, wie die Verteilung vor der Umstellung noch zu stemmen gewesen sein soll. In dem beengten Raum der Tafel am Bohldamm schiebt sich gestern eine Schlange von Menschen an den Tischen mit den Lebensmitteln vorbei. Immer wieder ist die Frage von Gundula Zahrte zu hören: „Mit Schwein oder ohne?“ Lebensmittel wandern in große Plastiktüten. Platz zum Bewegen bleibt nicht. Der Satz „Nein, nur eine Packung pro Person“ ist zu hören.

Mit dem neuen System der Ausgabe haben Bedürftige nur noch einmal die Woche die Möglichkeit, Lebensmittel zu bekommen. Bei den Tafel-Kunden stoße das aber nicht auf Unverständnis, wie Gerard Minnaard erklärt. Vielmehr erlebe er, dass durch das neue System auch die Bedürftigen „entspannter“ seien. Und der Tafel-Gründer hält fest: Durch die geringere Zahl an Kunden an den jeweiligen Ausgabetagen bekomme jeder im Vergleich zu früheren Zeiten etwas mehr – aber eben nur noch einmal wöchentlich.

Von Norman Reuter

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