Von Woche zu Woche

Späte Gerechtigkeit?

Späte Gerechtigkeit, so könnte man die Hoffnung zusammenfassen, die mit einem der letzten NS-Prozesse verbunden ist.

Die internationale Öffentlichkeit verfolgt ab Dienstag, wie die deutsche Justiz sieben Jahrzehnte nach Kriegsende, 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, mit den letzten Tätern umgeht. Als solcher ist der Rentner Oskar Gröning aus dem Heidekreis vor dem Landgericht Lüneburg angeklagt – der „Buchhalter von Auschwitz“, der das Geld der eingelieferten Juden gezählt haben soll.

Es spricht einiges dafür, dass der ehemalige Freiwillige der Waffen-SS mit einem Freispruch rechnen kann. Zwar hat sich im Fall des Wachmanns John Demjanjuk die Rechtsauffassung durchgesetzt, dass dem Angeklagten nicht eigene Mord- oder Grausamkeitstaten nachgewiesen werden müssen. Allein die Tatsache, dass er Teil der Vernichtungsmaschinerie von Sobibor war, reichte für eine Verurteilung aus. Gröning war ohne Zweifel Teil des Systems, allerdings war er – anders als der Wachmann – offenbar nicht direkt an Tötung und Misshandlung beteiligt. Und wie weit will man gehen: Müsste nach dieser Logik nicht auch der Lokführer vor Gericht, der genau wusste, wen er wohin transportierte? Zudem betont der 93-Jährige, der vor zehn Jahren in einem Spiegel-Interview über seine Zeit im KZ Auschwitz sprach, dass er drei Versetzungsanträge gestellt hat. Von einer sicheren Stelle meldete er sich an die Front.

Die deutsche Justiz will jetzt alles richtig machen. Jahrzehntelang haben Nazitäter im Nachkriegsdeutschland unbehelligt gelebt, zum Teil sogar Karriere gemacht. Die doppelte Scham über die Gräueltaten des NS-Regimes und die zunächst verweigerte – auch juristische – Aufarbeitung sind der Antrieb für die hektischen Aktivitäten der zentralen NS-Fahndungsstelle Ludwigsburg, die Verfahren gegen zwölf weitere hochbetagte NS-Täter und -täterinnen betreibt und nicht ohne Stolz eine brasilianische Liste mit 400 weiteren Namen vermeldet.

Dieser späte Eifer verdeckt, dass es die erhoffte Gerechtigkeit nicht gibt. Denn eine Verurteilung kann ja kaum darüber hinwegtäuschen, dass die Betroffenen ihr zweites Leben leben konnten, während die Opfer für ein Leben traumatisiert waren, dass Verantwortliche aus der Verwaltung straffrei ausgingen. Das Versagen der deutschen Justiz und Politik nach Kriegsende lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Eine Verurteilung Grönings hat allenfalls symbolische Bedeutung: Dass man es jetzt ernst meint.

Der Prozess vor dem Lüneburger Landgericht ist dennoch eine große Chance. Es geht um nichts Geringeres als die Wahrheit. Solange die letzten Zeitzeugen leben, wollen wir aus erster Hand erfahren, wie es wirklich zugegangen ist in der Hölle von Auschwitz, erst recht, wenn einer aus der Mannschaft auspackt. Denn bis heute bleibt es uns unbegreiflich, wie Angehörige eines zivilisierten, unseres Volkes, ohne Übergang jedes Mitleid, jeden moralischen Skrupel ablegen konnten. Gröning, vom nationalsozialistischen Staat erzogen, hat seine damalige Einstellung in besagtem Spiegel-Interview so ausgedrückt: „Ich bin eingespannt in das Notwendige, das fürchterlich ist. Aber notwendig.“

Der 93-Jährige, der nach Auskunft seines Verteidigers Stellung zu den Vorwürfen nehmen will, könnte seiner Nation einen späten Dienst erweisen, wenn er dem Gericht und der Öffentlichkeit in der Lüneburger Ritterakademie schildern würde, was er in Auschwitz gesehen hat.

Von Gerhard Sternitzke

Rubriklistenbild: © Schmidt

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