Mit Lust am Gelingen

Sozialdemokrat Jacques Voigtländer verabschiedet sich aus der Politik

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Spaziergänge statt Politik? Jacques Voigtländer verabschiedet sich aus der Kommunalpolitik und will sich nun mehr um Hund „Louis“ und die Familie kümmern.

Uelzen/Landkreis. Als junger Mann hat Jacques Voigtländer Politiker kritisiert, die im Alter ihre Ämter nicht aufgeben wollten. Den Vorwurf will er sich nicht gefallen lassen müssen, zu jenen zu gehören, die nicht loslassen können. Er sagt: „Nun mal die Jungen ran."

Mit 68 Jahren verabschiedet er sich von der Politik. Dem neuen Kreistag, der sich im November konstituiert, wird der bisherige Fraktionsvorsitzende der SPD nicht mehr angehören.

Die Sitzung des Kreistages heute ist damit für ihn aller Voraussicht nach die letzte als Politiker – wenn nicht noch eine Sonderkreistagssitzung im Oktober zur verfahrenen Diskussion um einen Kreishaus-Neubau einberufen wird. Für ausgeschlossen hält er das nicht; Voigtländer erlebte viel in den Jahrzehnten, in denen er sich für die Politik engagierte. Dabei agierte er nicht nur auf kommunaler Ebene. 14 Jahre war der Sozialdemokrat Berufspolitiker, saß von 1994 bis 2008 im niedersächsischen Landtag.

Voigtländer erinnert sich im Gespräch mit der AZ: Der frühere Verteidigungsminister und 2012 verstorbene Sozialdemokrat Peter Struck aus Uelzen hat ihn gefragt, ob er nicht für den Landtag kandidieren wolle. Zu dieser Zeit hatte Voigtländer auf kommunaler Ebene bereits politische Erfahrungen sammeln können.

Die Politik erlaubt es, so Voigtländer, Projekte anzuschieben und Weichen zu stellen. Diesem „Reiz“ sei er erlegen. Ende der 1970er Jahre trat er in die SPD ein, begeistert von Polit-Figuren wie Willy Brandt und Helmut Schmidt. Als Lehrer an den Berufsbildenden Schulen in Uelzen wurde er Bildungsobmann der SPD Uelzen; errang einen Sitz im Oldenstädter Ortsrat, später auch im Uelzener Stadtrat; wurde Vorsitzender des SPD-Ortsvereins.

Als Struck ihn ansprach, ob er nicht für den Landtag kandidieren wolle, sah Voigtländer die Chance, noch mehr bewegen zu können. Gerhard Schulze, langjähriger CDU-Landrat für den Kreis Uelzen, war im Wahlkampf 1994 sein Herausforderer. Große Chancen wurden ihm, Voigtländer, nicht eingeräumt, das Mandat zu holen. Aber er zeigte Ehrgeiz, konnte Mitglieder des Uelzener SPD-Ortsvereines für ein Wahlkampfteam gewinnen. „Wir waren 20 Leute, haben bei Nacht und Nebel gearbeitet“, so Voigtländer. Nach einem Jahr Wahlkampf konnte sich Voigtländer schließlich beim Urnengang mit 230 Stimmen Vorsprung gegen den Herausforderer Schulze durchsetzen. Der Sozialdemokrat zog ins Leine-Schloss ein – für ihn auch noch einmal ein Startschuss für einen persönlichen Lernprozess, wie er sagt. Gleichzeitig erkannte Voigtländer, welche Möglichkeiten er nun hatte.

Er gilt heute als einer der Wegbereiter für den Uelzener Hundertwasser-Bahnhof. Darauf angesprochen nennt Voigtländer den Bahnhof das bedeutendste Projekt seiner Polit-Karriere: Der Grünen-Politiker Raimund Nowak habe ihn in den 1990er Jahren auf die Zukunft des Bahnhofs angesprochen. In einem der ersten Gespräche wurde die Idee referiert, dass Hundertwasser-Bilder im Uelzener Bahnhof ausgestellt werden könnten. Warum aber nur Bilder ausstellen, wenn der ganze Bahnhof zum Kunstwerk werden könnte – „beseelt“ von dieser Vision eines Umwelt- und Kulturbahnhofs in Hundertwasser-Optik begann Voigtländer zu agieren.

Politik und die „Lust am Gelingen“, wie es sein politischer Wegbereiter Thomas Oppermann einst ausdrückte, gehören für Voigtländer zusammen. Voigtländer agiert auch so. „Wichtig ist, dass eine gute Sache umgesetzt wird“, so der Politiker. Der Weg dorthin finde sich. Im Fall des Hundertwasser-Bahnhofs nutzte Voigtländer Kanäle und Kontakte, auch im Uelzener Kreistag, dem er seit 1996 angehört. Heute ist der Bahnhof beliebter Anlaufpunkt für Touristen.

Nach den Worten Voigtländers, der noch in einem Forschungsunternehmen in Hannover tätig ist, liegen große Herausforderungen nun vor dem Landkreis. Das Glasfasernetz, marode Schul- und Verwaltungsgebäude; um die Projekte auf den Weg zu bringen und auch damit sie Akzeptanz in der Bevölkerung finden, brauche es deutliche Mehrheiten im Kreistag. Deswegen hat er noch einen Rat für den neuen Kreistag: SPD und CDU sollten eine große Koalition bilden.

Von Norman Reuter

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