„Wie geht das Leben weiter?“

Selbsthilfegruppen stellen Angebote auf Uelzener Herzogenplatz vor

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Alles im grünen Bereich: Heidi Constantin aus Uelzen machte im Lufu-Mobil den Lungenfunktionstest.

Uelzen. Sie war gerade 41 Jahre alt, als die erschütternde Diagnose ihr Leben ins Wanken brachte: MS, Multiple Sklerose bescheinigte der Arzt Susanne Rother im Februar 2010.

Was auf den ersten Schock folgte, waren zwei Krankheitsschübe binnen weniger Monate, Konzentrationsschwierigkeiten, Erschöpfung, Gleichgewichtsstörungen und die quälende Ungewissheit: „Wie geht das Leben weiter? Kannst Du arbeiten? Landest Du im Rollstuhl?“ Dass die Wierenerin heute mit der Erkrankung des zentralen Nervensystems zu leben gelernt hat, führt sie auch auf eine wesentliche Stütze zurück: ihre Selbsthilfegruppe.

Rund 60 Angebote für Erkrankte und ihre Angehörigen dieser Art gibt es nach Angaben von Jeanette Kötke, Leiterin der Selbsthilfe-Kontaktstelle, in Stadt und Landkreis, etwa 15 stellen ihre Arbeit am vergangenen Sonnabend beim vierten Uelzener Selbsthilfetag auf dem Herzogenplatz vor. Darunter auch Uwe Deter, der vor dem sogenannten Lufu-Mobil, in dem Besucher ihre Lungenfunktion prüfen lassen können, über Alpha-1-Antitrypsin-Mangel, kurz AATM, aufklärt. Die Stoffwechselerkrankung hat Deters Lunge beschädigt, ihn an ein tragbares Sauerstoffgerät gekettet, das ihm heute rund um die Uhr beim Atmen hilft. Sachlich schildert der Uelzener, wie die Krankheit seinen Alltag verändert hat – dass er seinen Beruf habe aufgeben müssen und den Fußball, er erzählt, wie ihm der Arzt das fünf Kilo schwere Sauerstoffgerät in die Hand drückte und er nicht einmal gewusst habe, wie es am günstigsten zu transportieren ist, wie er begann, die Stück für Stück größer werdende Leere in seinem Leben zu stopfen. Zwei Selbsthilfegruppen spielen dabei einer Rolle: Deter hat in ihnen vor allem praktische Tipps erfahren, dass zum Beispiel ein Rollator zum Transport des Sauerstoffgeräts praktisch ist. Seit einiger Zeit besucht er Schulungen und trägt neu erworbenes Wissen an andere Betroffene – unter anderem in der Selbsthilfegruppe für Langzeit-Sauerstoff-Patienten in Uelzen – weiter. „Das ist alles nicht so einfach“, sagt er schließlich, und dass sich vor allem Männer schwer täten, über die Krankheit zu sprechen.

Unweit entfernt wächst unterdessen die Menschenschlange vor dem Lufu-Mobil immer weiter an. Etwa fünf bis zehn Prozent der Teilnehmer, schätzt Mitarbeiter Heinz-Werner Frerich, wiesen ein auffälliges Ergebnis ihrer Lungenfunktion auf. Ihnen rät er, den Hausarzt aufzusuchen. Denn für das Lufu-Mobil greift, was auch für die Selbsthilfegruppen gilt: Es gibt Grenzen der Beratung. „Wir sind kein Therapieersatz, aber eine sehr gute Unterstützung dessen“, stellt Jeanette Kötke klar.

Rita Zierenberg, Leiterin der offenen Suchtgruppe 92, die wöchentlich in der Teestube des Sozialpsychiatrischen Dienstes zusammenkommt, kann das bestätigen. Medikamente, Alkohol, Drogen – jeden Dienstag wird in dem geschützten Umfeld über die Sucht und den Weg hinaus gesprochen. Zierenberg will am Sonnabend vor dem Rathaus vor allem eines vermitteln: „Es lohnt sich, suchtmittelfrei zu leben und auch den Schritt in die Gruppe zu wagen.“

Von Anna Petersen

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