Hilfe bei häuslicher und sexueller Gewalt: Uelzener Klinikum schließt sich Netzwerk ProBeweis an

Schulterschluss für die Opfer

+
Das Netzwerk ProBeweis bietet seinen Partner-Kliniken verschiedene Instrumente für eine kostenlose, vertrauliche und zeitnahe Beweis- sicherung nach häuslicher oder sexueller Gewalt – das Uelzener Klinikum ist eine von ihnen.

Uelzen. Das Klinikum Uelzen macht gemeinsam mit derzeit sieben weiteren Kliniken in Niedersachsen einen wichtigen Schritt in Richtung Opferversorgung:

Anette Solveig Debertin

Die Uelzener sind dem Netzwerk ProBeweis beigetreten, das vor allem eines zum Ziel hat: eine verfahrensunabhängige Beweissicherung nach einem Fall von häuslicher oder sexueller Gewalt. Mit der Sicherung der Beweise, so erklärte Professor Dr. Anette Solveig Debertin vom Institut für Rechtsmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) gestern Mittag bei der Präsentation des Netzwerk-Konzepts im Uelzener Klinikum, werde den Opfern zunächst einmal die Entscheidung abgenommen, ob sie Anzeige erstatten sollen.

Viele Vertreter aus den verschiedensten Bereichen Uelzens – von der Polizei über Gleichstellungsbeauftragte und ProFamilia bis hin zu Weißem Ring, Präventionsrat, Gesundheitsamt, Seelsorge oder Frauenhaus – ließen sich von Debertin und ihrer Kollegin Dr. Tanja Gemerott über das Netzwerk ProBeweis aufklären. Und sie erfuhren, dass das Thema häusliche und sexuelle Gewalt ein brandaktuelles ist – steigende Fallzahlen, nicht nur in Niedersachsen, legen ein trauriges Zeugnis davon ab.

Früher sei es „Privatsache“ gewesen“, wenn ein Mann seine Frau schlug, so Debertin. Heute sei dieser Übergriff ein Rechtsverstoß. Und weil die Opfer mit ihren Verletzungen in der Regel einen zum Schweigen verpflichteten Arzt oder eine Klinik „als erste niederschwellige Anlaufstelle“ wählten, hätten die dortigen Mediziner eine Schlüsselfunktion. Eine Schlüsselfunktion in Sachen Beweissicherung.

Das Netzwerk ProBeweis will diesen Ärzten ein standardisiertes Verfahren an die Hand geben, mit dem sie Folgen von Gewalt erkennen, diese dokumentieren und die Beweise schließlich sichern können – für den Fall, dass Opfer sich später doch noch entschließen sollten, Strafanzeige gegen ihre Peiniger zu erstatten. Denn für eine erfolgreiche Strafverfolgung ist eine zeitnahe Dokumentation das A und O.

Die MHH koordiniert die Arbeit der Partner im Netzwerk, das vom Niedersächsischen Sozialministerium zunächst für eine Dauer von drei Jahren gefördert wird. Es bietet Schulungen, einen Praxisleitfaden und eine zentrale Archivierung der in den Partner-Kliniken gesicherten Beweise an, wie Dr. Tanja Gemerott von der MHH erläuterte. Sie betonte auch, dass eine ProBeweis-Untersuchung und Dokumentation nur auf Wunsch der Betroffenen, freiwillig und kostenlos erfolge. Der Mediziner fülle in einem solchen Fall einen Dokumentationsbogen aus und sichere Beweise – wie zum Beispiel Vaginalabstriche bei einem Verdacht auf Vergewaltigung. In einer Box werde all das dann an die MHH gesandt, wo Proben und Dokumente erst einmal gelagert würden, so Gemerott. Erst nach einer Beauftragung werde es eine Untersuchung geben, die mit einem Gutachten schließe.

Kommentare