Von Woche zu Woche

Nur Schaulaufen statt Wahlkampf

Der Aufreger des bisherigen Wahlkampfs? Der Vegetarier-Tag. Die Vorstellung, dass einem vorgeschrieben werden könnte, was man wann zu essen hat, ließ die Emotionen der Menschen für einen kurzen Moment hochkochen, ohne aber dass dadurch der Wahlkampf an Schwung gewonnen hätte.

Die Wochen vor dem Urnengang plätschern vor sich hin, ohne dass die Politiker mit unmissverständlichen Aussagen zu Themen, die Menschen bewegen, den Wählern eine Entscheidungshilfe für den 22. September geben.

Bezeichnend ist der Wahlkampf vor Ort: „Große“ Namen wie von der Leyen, Künast oder Steinmeier verschlägt es für wenige Stunden in die Provinz. Sie werden von den Direktkandidaten durch Firmen geführt, als wollten die Bewerber sagen: „Schaut her, was wir hier an Großartigem haben“; beim Besuch der Vorsitzenden der Bundestagsfraktion der Grünen, Renate Künast, in Uelzen wäre bei einem offenen Gesprächskreis noch ein Augenblick Zeit für Fragen gewesen – nur blieben die Grünen weitestgehend unter sich. Wenn über Politikverdrossenheit gesprochen wird, dann weil Menschen sich nicht durch die Politik vertreten sehen. Aber genau das ist ja die Aufgabe der Gewählten – das Volk zu vertreten. Hört man dann vom Direktkandidaten der FDP, dass er sich überlege, inwieweit er Wahlkampf betreiben will, weil er nicht sicher sei, ob sich dadurch auch prozentuale Erfolge beim Urnengang einstellen, mag man verzweifeln.

Wahlkampf bestreiten indes andere – Verbände und Bürgerinitiativen. Wenn der AWO-Ortsverein Bad Bevensen zu einer Diskussion zur Pflege einlädt, wenn die Bürgerinitiative „Keine A 39“ alle Direktkandidaten nach Hanstedt II holt, der Dehoga gegen die Besteuerung der Speisen zu einer Demonstration in Hannover aufruft – dann kommen die Politiker und setzen auf die Veröffentlichung von markigen Zitaten, dabei wäre es an ihnen und nicht an den Initiativen, die Themen zu setzen. Es bleiben noch die Begegnungen an Infoständen und bei gemeinsamen Snacks. Es ist zu hoffen, dass die Politiker dort wenigstens ein Ohr für ihre Wähler haben. Und nicht, das soll als abschreckendes Beispiel genannt werden, wie Renate Künast, als sie eine Frage vom Diakonie-Chef Gabriel Siller gestellt bekommen hat, Mitteilungen auf ihrem Smartphone las.

norman.reuter@az-online.de

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