„Mein Kampf“ wird wieder verkauft / Pädagogen hoffen, dass Buch gegen Extremismus immunisiert

Reif genug für die Hitler-Lektüre

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Bis 1945 millionenfach gedruckt, nach 1945 im Giftschrank: Adolf Hitlers "Mein Kampf". Gestern erschien eine wissenschaftlich kommentierte Neuauflage. Das Urheberrecht ist ausgelaufen. 

Uelzen. Hätte man ahnen können, welches Unheil mit dem Mann verbunden ist, wenn man sein in der Festungshaft getipptes Buch rechtzeitig gelesen hätte? Das ins leere stierende Konterfei des Autors war in Millionen Exemplaren abgedruckt.

Ronald Ackermann

70 Jahre lang lag das Werk des Diktators im Giftschrank, vom Freistaat Bayern unter Verschluss gehalten. Seit gestern darf „Mein Kampf“ von jedem veröffentlicht werden. Die Urheberrechte sind erloschen. Gestern stellte auch das Institut für Zeitgeschichte in München eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe der Hetzschrift vor, an der Adolf Hitler nebenbei Millionen verdiente. In der Uelzener Buchhandlung Decius kann man die kritische Ausgabe jetzt für 59 Euro bestellen, in der Auslage findet man sie nicht. Und das ist Absicht.

Bernhard Koppius

„Wir bestellen das nur auf Kundennachfrage“, berichtet Leiterin Urthe Eilers auf AZ-Nachfrage. Das sei auch eine bewusste Entscheidung. „Wir – ich und meine Kollegen – distanzieren uns von dem Werk“, fügt die Buchhändlerin hinzu. Bislang gab es nur vereinzelte Nachfragen nach der erstmals 1925 erschienenen Schrift. Dass Hitlers Wahnsinn in der kommentierten Ausgabe widerlegt werde, sei jedoch zu begrüßen. „Grundsätzlich ist es gut, eine kommentierte Fassung zu haben, die sich mit den Ideen kritisch auseinandersetzt und Menschen, die historisch nicht so gebildet sind, die Möglichkeit gibt, sich mit dem Buch zu beschäftigen“, meint Ronald Ackermann, Fachschaftsleiter Geschichte am Herzog-Ernst-Gymnasium (HEG) Uelzen. Für die Leistungsstufe könne der Text wertvoll sein. Bislang wurden Textausschnitte im Unterricht eingesetzt.

Josef Müller

„Man kann zeigen, welche katastrophalen Folgen eine Hetzschrift haben kann“, meint Bernhard Koppius, Religionslehrer am HEG und Mitglied im Landesvorstand des Philologenverbands. „Die kommentierte Neuausgabe kann ein wichtiges Material sein, das gegen Extremismus immunisiert.“ Allerdings sei die zweibändige wissenschaftliche Ausgabe mit stolzen 2000 Seiten allenfalls in Oberstufenkursen zu lesen. Groß ist die Sorge, dass Hitlers Ideen sich aufs Neue verbreiten. Geschichtslehrer Ackermann widerspricht: „Ich bin für einen offenen, kritischen Umgang mit dem Buch. Wir sind soweit gefestigt, dass man mit solchen historischen Schriften umgehen kann.“ Hitlers Ideologiegebräu habe für heutige Menschen nicht mehr das Verführungs-Potenzial wie zu seiner Zeit.

Gelassen bleibt auch Josef Müller, ehemaliger Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): „Das kommentierte Werk ist langweilig, und die Neonazis haben das Buch schon“, gibt er zu bedenken. „Die legen auf die Anmerkungen keinen Wert.“

Von Gerhard Sternitzke

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