Prozessauftakt in Lüneburg nach Überfallserie

Opfer mit Kabelbindern gefesselt: Räuber entschuldigen sich

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Vor dem Landgericht Lüneburg müssen sich zwei 31 und 40 Jahre alte Männer wegen einer Serie von Überfällen verantworten.

Lüneburg. Die Masche war immer die gleiche: Das Duo betrat maskiert das Geschäft, drückte dem Verkäufer eine Pistole an die Schläfe, ließ sich Schmuck und Geld aushändigen und fesselte seine Opfer mit Kabelbindern.

Seit gestern müssen sich vor dem Landgericht Lüneburg zwei 31 und 40 Jahre alte Hamburger wegen Überfällen auf vier Juweliere in der Region, eine Spielhalle, einen Getränkemarkt in Amelinghausen und einen Bäcker in Gifhorn verantworten. Dabei sollen sie Bargeld und Schmuck im Wert von 300 000 Euro erbeutet haben.

In Amelinghausen gingen sie am 6. Januar leer aus, weil sich die Kasse nicht öffnen ließ. Laut Staatsanwalt Andreas Hanß betrat ein weiterer Angestellter den Getränkemarkt, der sich mit einer Glasflasche wehrte. Der ältere der beiden Räuber gab demnach in dem Handgemenge Schüsse aus seiner Schreckschusspistole ab.

Bei den Taten war der Ältere Maik F. offenbar der Anführer. Er muss laut Richter Volker Heintzmann auch mit einer anschließenden Sicherungsverwahrung rechnen. Stefan G. kam dazu, brach etwa in der Spielhalle zwei Automaten auf. Eine 45-jährige Nebenklägerin, die dort als Servicekraft überfallen wurde, kannte ihn als regelmäßigen Besucher. Sie hatte den Eindruck, dass er Drogen nahm und spielsüchtig war. Sie leidet an Flashbacks. Eine zweite Zeugin, die in einem Juweliergeschäft in Munster überfallen wurde, berichtete dem Gericht von Panikattacken.

Beide Angeklagte legten ein Geständnis ab und entschuldigten sich bei den Opfern. Er hat ihr nicht weh tun wollen, sagte Stefan G. Ungeklärt ist, was mit der Beute geschah. Die Anwältin des 31-jährigen erklärte, ihr Mandant traue sich aus Angst um seine Angehörigen nicht, etwas über den Verbleib zu sagen.

Seit Februar sitzt das Duo in Untersuchungshaft. Zum Schluss hatten die Männer eine Bäckerei bei Gifhorn überfallen. Dabei hatte der 40-Jährige der Angestellten einen Schlag versetzt und ihr Reizgas ins Gesicht gesprüht. Die Beute bestand aus wenig Bargeld und einem Handy. Noch auf dem Weg zum Fluchtauto klickten für einen der beiden Männer die Handschellen. Den anderen stoppte auf der Verfolgungsjagd eine Autopanne. In einem Wald wurde er festgenommen.

Dann lädt er die Pistole durch

Spielhallenaufsicht schildert im Landgericht Lüneburg, wie sie überfallen und gefesselt wurde

Lüneburg. Den 19. Januar wird Claudia K.* nicht so schnell vergessen. Betritt ein blonder Mann die Spielhalle oder nähert sich jemand von hinten, beginnt sie zu schreien. Was sie an jenem Morgen kurz nach 6 Uhr erlebte, schildert die ganz in Schwarz gekleidete Nebenklägerin gestern vor dem Landgericht Lüneburg. Dort müssen sich Stefan G. und Maik F. wegen acht Überfällen auf Juweliergeschäfte, die Spielhalle, einen Getränkemarkt und eine Bäckerei verantworten, bei denen sie laut Staatsanwaltschaft zwischen 25. September 2015 und 1. Februar 2016 insgesamt 700 000 Euro erbeutet haben sollen.

An diesem Morgen betritt nach der Schilderung von Claudia K. zunächst der 40-jährige F. maskiert die Spielhalle in Seevetal. Im nächsten Moment steht er neben der Spielhallenaufsicht, hält ihr eine Pistole an die Schläfe und fordert Zugang zum Safe. Dabei habe er die Waffe durchgeladen. „T-pff“, macht die Zeugin das Geräusch nach. Der Mann, der frisch geduscht riecht, lässt sie die Eingangstür verschließen. Dann fesselt er sein Opfer mit Kabelbindern. Inzwischen macht sich der 31-jährige G. an zwei Automaten zu schaffen.

Obwohl sie ihn kaum sehen kann, ist Claudia K. überzeugt, dass es einer ihrer Kunden ist. „Er sah aus, als wenn er eine Last trägt“, erinnert sie sich. Sie vermutete, dass er Drogen nahm.

Die Schilderung des Opfers verfolgen die beiden Angeklagten abgewandt und mit zu Boden gesenkten Blicken. F. ist angespannt, mit gefalteten Händen kann er doch die innere Erregung nicht verbergen. Der Bericht der von der Tat immer noch gezeichneten Frau macht dem sonst nicht zimperlichen Hamburger offenbar zu schaffen.

Schließlich geben beide Angeklagten, die bereits zuvor Geständnisse angekündigt haben, eine Entschuldigung ab. „Ich hatte nicht die Absicht, Ihnen weh zu tun“, sagt Stefan G. und nuschelt, „dass so etwas nicht nochmal passiert.“ „Ich hoffe sehr, dass es Ihnen bald besser geht“, sagt Maik F. Claudia K. hat in ihrer fast 20-jährigen Tätigkeit in der Spielhalle schon manchen Angriff erlebt. Sie nimmt die Entschuldigungen an und fügt hinzu: „Jeder macht Fehler, aber jeder muss auch die Konsequenzen seines Handelns tragen.“

Eine Entschuldigung, vor allem ein Geständnis könnte strafmildernd wirken. Einen Deal, wie von der Verteidigung vorgeschlagen, lehnt Vorsitzender Richter Volker Heintzmann jedoch ab. Immerhin stehe für F. aufgrund der Schwere der Taten eine Sicherheitsverwahrung im Raum.

Während die beiden bei Juwelieren in der Heideregion mit ihrer Masche jeweils Beute im Wert von fünfstelligen Eurobeträgen machten, gingen sie in einem Getränkemarkt in Amelinghausen am 6. Januar leer aus, weil die Kasse nicht aufging, wie Staatsanwalt Andreas Hanß berichtet. Nachdem sie die Kassiererin gefesselt hatten, betrat ein weiterer Mitarbeiter das Geschäft. Er wehrte sich mit einer Gasflasche. F. soll seine Schreckschusswaffe abgefeuert haben.

Claudia K. sieht auch Entlastendes: „Man muss sagen, dass die beiden, außer dass sie mich mit der Waffe bedroht haben, relativ sanft mit mir umgegangen sind.“

* Name geändert

Von Gerhard Sternitzke

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