Kranker will sich während seines Ausgangs vor Autos stürzen / Helfer von Klinik nicht unterstützt

Uelzener Psychiatrie-Patient sorgt für Chaos

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Die Psychiatrische Klinik An den Zehn Eichen ist kein Gefängnis. Üblicherweise haben die Patienten Ausgang. Dass es dabei wie vor wenigen Tagen zu Problemen kommt, gilt bei Klinik und Polizei als absolute Ausnahme.

Uelzen. Eben ist Michael Pörschke noch ganz normal auf dem abendlichen Nachhauseweg, Sekunden später ringt er auf der Straße An Den Zehn Eichen mit einem Mann, der von Werwölfen, Kinderschändern und Lastern, die ihn zerquetschen sollen, faselt.

Die Szene, sie hat sich vor wenigen Tagen zugetragen, beschreibt der Uelzener der AZ gestern als „furchtbar“.

Pörschke musste nach eigenen Angaben scharf bremsen, um den Mann nicht zu überfahren. Gemeinsam mit zwei Passantinnen und einer Nachbarin verhinderte er rund ein Dutzend weitere Versuche des Mannes, in selbstmörderischer Absicht auf die Straße zu rennen. „Er wollte mit aller Kraft los. Er wäre tot gewesen“, meint Pörschke. 50 km/h sind Autofahrern in der Straße gestattet.

Das Ringen zehrt an Pörschkes Kräften. Gut zehn Minuten vergehen, ehe die Polizei kommt und den Mann, der sich schnell als Patient der Psychiatrischen Klinik herausstellt, körperlich bändigt, fesselt und zurück in die nur wenige hundert Meter entfernte Klinik bringt.

Was für Pörschke bis heute unverständlich ist: Anrufe in der Klinik, unter anderem von seiner Nachbarin, führten nicht zur Unterstützung. Das Personal habe lediglich auf die Zuständigkeit der Polizei verwiesen. „Da schickt man doch jemanden. Für mich ist das unterlassene Hilfeleistung“, kritisiert Pörschke.

Polizei und Klinik teilen eine grundsätzlich andere Auffassung. „Die Klinik hat außerhalb ihres Geländes keine Befugnisse. Da gilt das Gewaltmonopol des Staates“, sagt Ralf Munstermann, Streifendienstleiter der Polizei Uelzen.

Dr. Ulrike Buck, Chefärztin der Psychiatrischen Klinik, ergänzt: „Wir wissen in so einer Situation ja nicht einmal, ob es sich tatsächlich um einen Patienten von uns handelt. Es könnte sich bei einer auffälligen Person auch um einen Betrunkenen handeln.“ Mit dem Verweis auf die Zuständigkeit der Polizei habe die Krankenschwester, die die Anrufe entgegennahm, alles richtig gemacht, betont Buck.

Zum Zeitpunkt des Vorfalls sei zudem kein Patient vermisst worden. Der fragliche Patient habe regulär Ausgang gehabt. Ein ganz normales Procedere im Klinikalltag. „Wir sind kein Gefängnis“, stellt Buck klar. „Unsere Patienten sind keine Straftäter, sondern Kranke. Sie brauchen Schutz und Hilfe. Und wenn sie gefährlich sind, dann in erster Linie für sich selbst.“

Im konkreten Fall sieht Buck entgegen der Einschätzung von Pörschke auch „keine ernsthafte Selbstmordabsicht“ der „psychiatrisch auffälligen Person“ mit „ungeordnetem Verhalten“. Bald nachdem die Polizei den Patienten zurück in die Klinik brachte, habe sich die Situation wieder entspannt. Der Patient sei allgemein „gut zu führen“.

Alle Beteiligten betonen zudem, dass Patienten aus der Klinik im Grunde nie auffällig würden. Auch Pörschke bezeichnet die Nachbarschaft zur Klinik – er lebt keine 200 Meter entfernt – als „völlig unproblematisch“.

Sollte ein Uelzener künftig dennoch in eine vergleichbare Situation geraten, empfiehlt sich der sofortige Anruf bei der Polizei. Zudem rät Dr. Buck Ruhe zu bewahren, entsprechende Personen – egal ob Patient der Klinik oder nicht – im Auge zu behalten und mit Rücksicht auf die eigene Sicherheit vorsichtig zu sein.

Bei Michael Pörschke bleiben Zweifel. „Wenn ich nichts getan hätte und der stürzt sich vor ein Auto, bin ich am Ende dran, weil ich nicht geholfen habe.“ Und alternativ versuchen, den Verkehr zu stoppen? „Das versuchen Sie mal – die Autos sind trotz meines Warnblinkers weiter durch die Straße gebrettert.“

Von Steffen Kahl

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