Professoren als Feigenblatt

Uelzen. Große Namen und ein Gutachten hatten die Uelzener Stadtwerke ihrem Aufsichtsrat präsentiert, um das massiv in die Kritik geratene, tief in die roten Zahlen gerutschte Landwirtschaftsprojekt in der Ukraine trotz aller Zweifel doch noch fortsetzen zu dürfen – der Aufsichtsrat stimmte schließlich zu. Doch das städtische Tochterunternehmen hat sich mit seiner Vorgehensweise womöglich einen Bärendienst erwiesen – denn jetzt werden immer neue Details bekannt, mit welchen Methoden die von Fachleuten als Gefälligkeitsgutachten bewertete Expertise entstand, die den Aufsichtsrat milde stimmte. Von Thomas Mitzlaff

Wichtig ist für die Stadtwerke ist dabei insbesondere Professor Dr. Stephan von Cramon-Taubadel von der Georg-August-Universität Göttingen – ihn schickt der Energieversorger bei jeder Gelegenheit ins Rennen, wenn es gilt, Überzeugungsarbeit in Sachen Ukraine zu leisten. Und auch in dem kritisierten „Gutachten über Ertragspotenziale“ bei dem Projekt in Osteuropa ist der Agrarexperte gleich im ersten Satz namentlich als Verfasser zu finden, gefolgt von Professor Michael Schmitz vom Institut für Agrarpolitik und Marktforschung an der Justus von Liebig Universität Gießen. Klangvolle Namen, die für die Kernaussage des Gutachtens stehen, nach der die „derzeit schlechte Situation nicht überbewertet werden sollte“, vielmehr seien „entsprechende Wege zu finden, diese Tiefphasen zu überstehen“.

Doch die Beiträge von Cramon-Taubadel und Schmitz zu der Expertise spielten nur eine untergeordnete und theoretische Rolle und haben mit den Kernaussagen und Schlussfolgerungen so gut wie nichts zu tun – das räumt der eigentliche Verfasser des Papiers ein, den die AZ jetzt in Göttingen ausfindig machte und der in dem Gutachten nicht einmal namentlich erwähnt wird: Albrecht Macke, Mitarbeiter bei der Unternehmensberatung BB Göttingen, die in dem Gutachten hinter den beiden Professoren kurz erwähnt wird.

Die Basisdaten, die Professor Schmitz geliefert habe, könne man „vernachlässigen“, gesteht Albrecht ein, der Beitrag von Cramon-Taubadel habe sich auf eine „Gesamteinschätzung über die Ukraine im Allgemeinen“ beschränkt.

Experten wie der Direktor der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalt Rostock, Professor Dr. Rolf Kuchenbuch, hatten das Gutachten über die Perspektiven des Ukraine-Projektes als unzureichend kritisiert. Es werde viel mit Annahmen gearbeitet, die Datenlage sei extrem dünn, es gebe keine Antwort auf die Frage, wie groß das Risiko im Vergleich zum Nutzen ist.

Verfasser Albrecht Macke zeigt sich empört über die Kollegenschelte. Seine Expertise sei keine wirtschaftliche Betrachtung und sage auch nichts über die grundsätzlichen Chancen des Projektes in der Ukraine, sondern nur über mögliche Ertragspotenziale, betont er, räumt aber auch ein, „dass es da bei der Dokumentation vielleicht einen Mangel gibt“.

Und dem Agrarfachmann ist es spürbar peinlich, dass das 20seitige Papier in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Es sei nur für den „internen Gebrauch“ gedacht gewesen. Macke will es mittlerweile auch nicht mehr als Gutachten, sondern nur noch als „Diskussionsgrundlage“ verstanden wissen. Warum über der Expertise dann „Gutachten“ steht und das Papier auch als solches dem Aufsichtsrat präsentiert wurde, kann Macke nicht erklären – und räumt ein, „dass man vielleicht einen Satz mehr hätte schreiben können über die Arbeitsteilung für dieses Papier“.

Derweil steht für Experten fest, dass die Stadtwerke mit dem vermeintlichen Gutachten ein Eigentor geschossen haben. „Seriöse Argumentation sieht anders aus“, sagt ein Agrarewissenschafter aus dem Kreis Uelzen, der als öffentlich bestellter vereidigter landwirtschaftlicher Gutachter tätig ist und dem die AZ die Expertise zur Durchsicht gab: „Das ist ein Gefälligkeitsgutachten, das das Projekt noch tiefer in den Strudel zieht.“ Und mit ihm womöglich die 5,5 Millionen Euro, die die Stadtwerke laut Aufsichtsratsbeschluss investieren dürfen.

Doch von dem „geordneten Rückzug aus der Ukraine“, den der Steuerzahlerbund eindringlich fordert, will man beim städtischen Tochterunternehmen nichts wissen. Man arbeite mit „hoch renommierten Wissenschaftlern zusammen“, habe „keinerlei Grund an deren Expertise zu zweifeln“ und sehe „daher keine Notwendigkeit, in eine Methoden- und Verfahrensdiskussion zwischen verschiedenen Wissenschaftlern einzutreten“, hatte Stadtwerke-Sprecher Mirco Pinske in einer Mail am 26. Mai „mit freundlichen Grüßen aus Uelzen“ auf die Kritik von Professor Kuchenbuch reagiert.

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