Von Woche zu Woche

Und die Polizei soll wiegen...

Thomas Mitzlaff

Terror und Amok. Zwei Begriffe, die seit Jahrzehnten für jeden Nachrichtenmann zum Alltagsgeschäft gehören. Doch wenn man in diesen Wochen und Monaten Zeitung macht, Lokalzeitung und noch dazu in einer ländlichen Region, dann spürt man in den Begegnungen, in den Gesprächen, in Alltagssituationen wie einer Fahrt mit dem Metronom oder dem Erixx – es hat sich etwas verändert.

Denn bislang waren die Schreckensmeldungen immer abstrakt und irgendwie weit weg von der Lüneburger Heide. Doch das ist jetzt anders. Zwar werden Politiker nicht müde zu beteuern, an der Sicherheitslage habe sich grundsätzlich nichts verändert. Das mag sogar so sein, je nachdem aus welchem Blickwinkel man es betrachtet. Doch eines muss die Bundes- und Landespolitik zur Kenntnis nehmen: Zumindest die Gefühlslage bei den Bürgern hat sich verändert. Und zwar drastisch.

Es sind nämlich nicht mehr nur die fernen Metropolen, in denen Bomben explodieren und Menschen erschossen oder erstochen werden. Die Kirche bei Rouen im Norden Frankreichs kennen viele Uelzener, sie waren im Rahmen des Austauschs selbst schon dort, als Erwachsene oder Schüler.

Die jüngste blindwütige Messerattacke im Metronom ereignete sich nur zufällig zwischen Hamburg und Bremen, sie hätte sich genauso auf einer Uelzener Route ereignen können. Und das Freiluftkonzert in Ansbach, also in der Provinz, war nicht größer als das Open R in Uelzen.

Es sind Zeiten, in denen Politik Orientierung geben, Stärke zeigen muss. Doch das, was sich gerade hier in unserem Bundesland abspielt, schürt eher schlimme Befürchtungen. Während Deutschland unter Terrorakten und Amokläufen ächzt, wird in der Landesregierung auf Initiative der Grünen darüber diskutiert, ob die Polizei zu viel Pfefferspray einsetzt und man diese Form der Abwehr nicht lieber ganz verbieten sollte. Wohlgemerkt: Die das zur Sprache bringen, sind nicht irgendeine Wald-und-Wiesen-Partei, sondern sie regieren Niedersachsen mit.

Zwar hat Innenminister Boris Pistorius (SPD) dieses Ansinnen zurückgewiesen, doch ganz spurlos scheint die Initiative nun auch nicht an den Führungskräften dieses Landes vorbeigegangen zu sein. Denn nach einem Bericht des NDR sollen Polizisten bei Großeinsätzen, bei denen mit Gewalt zu rechnen ist, ihre Pfeffersprayflasche vorher wiegen. Damit man hinterher überprüfen kann, ob sie zu viel von dem Reizspray versprüht haben. Dazu braucht man eigens Präzisionswaagen, Stückpreis 500 Euro.

Das wirft Fragen auf. Zum Beispiel, bei welchen Einsätzen vorher gewogen werden muss. Auch bei Terrorlagen in Einkaufszentren? Müssen niedersächsische Beamte auch wiegen, wenn sie zur Verstärkung in einem anderen Bundesland im Einsatz sind? Und, andersrum: Müssen Polizisten aus anderen Bundesländern bei Einsätzen in Niedersachsen ihre Pfeffersprayflaschen wiegen und weil sie ja keine eigenen Waagen haben, sich diese gebührenpflichtig ausleihen?

Fragen, die natürlich absurd sind, die aber auch eines deutlich machen: Wie wirklichkeitsfremd, ja zynisch sind solche Pläne. Statt in diesen Zeiten die Polizei zu stärken, wird ihr unterschwellig unterstellt, der Missbrauch von Pfefferspray habe System. Anstatt alles zu tun, damit Beamte, die in dieser Zeit ihr Leben für diese Gesellschaft riskieren, jegliche nur mögliche Unterstützung erhalten.

Bleibt zu hoffen, dass nirgendwo in diesem Land ein Polizist zu spät kommt, weil er vorher noch wiegen musste...

Von Thomas Mitzlaff

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