Smartphone-Spiele bedrohen Kontostand und Psyche – AZ-Online hinterfragt den Hype

"Pokémon Go": Wenn das Handy die Kontrolle übernimmt

+
Spiele auf dem Smartphone sind in allen Altersklassen beliebt. Ein Hype entwickelte sich jetzt um das neue „Pokémon Go“. Handy-Apps mit Suchtfaktor und der Möglichkeit, Zusatzangebote einzukaufen, sind jedoch gerade für den Nachwuchs nicht ungefährlich.

Uelzen. Unterwegs an der Kagenbergstraße in Uelzen, den Blick aufs Handy gerichtet, flott geht’s im Gleichschritt voran – auf einmal hupt es hinter uns: Eine junge Frau am Steuer winkt mit ihrem Smartphone zum Gruß, fährt an uns vorbei, biegt ab und ward dann nicht mehr gesehen.

Ist sie auch auf Monsterjagd? Egal, wir müssen weiter. Unsere eigenen Monster fangen. Unser Blick senkt sich wieder aufs Handydisplay. Gleich... gleich werden wir eines haben...

Eine Handy-App ist gerade weltweit der absolute Renner: Die Rede ist von „Pokémon Go“, seit gestern offiziell erhältlich. Ein Spiel, bei dem man mit seinem Smartphone auf die Jagd nach kleinen Monstern – den „Pokémons“ – geht. Das Besondere: Der Spieler benutzt sein Handy dazu, die virtuellen Wesen aufzuspüren – in der echten Welt.

Das Ganze ist eine Mischung aus Schnitzeljagd und Geschicklichkeitsspiel. Es macht Spaß. Sogar richtig viel Spaß. Selbst die Kollegin, die mit dem Handy bisher noch nie irgendetwas spielte, hat sichtlich Freude bei ihrer ersten Monsterhatz.

„Pokémon Go“ spricht uns sofort an. Sogar so sehr, dass es uns fast unheimlich wird. Was passiert da gerade mit uns? Und was mit den Millionen Kindern und Jugendlichen, die „Pokémon Go“ spielen?

"Sie verschwinden oft für mehrere Stunden am Tag in den Spielen."

Viele Kinder und Jugendliche kümmern sich vor lauter Handy-Spielerei nicht mehr um Freunde oder Familie und vernachlässigen den Alltag, schildert Kinder- und Jugendpsychiater Ulrich Scheel aus Uelzen. Das sei dann ein Zeichen von Abhängigkeit. „Sie verschwinden oft für mehrere Stunden am Tag in den Spielen.“ Zu Scheel kommen die Patienten zunächst wegen anderer Befunde: wegen Depressionen, Ängsten, Schwierigkeiten in der Schule, wegen sozialer Probleme. Im Laufe der Behandlungen wird aber häufig eine Medienabhängigkeit deutlich. Seine jungen Patienten flüchten vor etwas in die virtuelle Welt. Und finden da oft nicht mehr allein heraus.

„Mobil ist sie immer verfügbar. Eine super Möglichkeit, das Hirn abzuschalten“, weiß Scheel um die Gefahr insbesondere von Spiele-Apps wie auch „Pokémon Go“ eine ist. Sich den Ängsten oder Schulproblemen zu stellen, werde dadurch für die Betroffenen aber nur umso schwieriger.

Bei Grundschülern kommt es sehr selten zur Sucht, erklärt Scheel. In der Altersklasse könne meistens noch rechtzeitig gegengesteuert werden.

Zur Abhängigkeit wandele sich der übertriebene Medienkonsum eher bei Jugendlichen ab 14 Jahren aufwärts. Scheel weiß, dass Eltern die Nutzung eines stationären Computers einschränken mögen. Aber dass sie sich scheuen, ihren Kindern Handys zu verbieten. „Sie wollen, dass ihr Kind im Notfall erreichbar ist“, berichtet er. Viele Kinder wissen um die Gefahr und können auch mal abschalten. Andere aber würden dazu verleitet, exzessiv zu chatten, zu surfen oder eben zu spielen.

Will man Jugendliche davon abbringen, muss man Alternativen schaffen, so Scheel. Doch: Was machen sie dann mit der ganzen Zeit? Treffen sich die Freunde noch mit ihnen, wenn sie nachfragen? „Es kommt eine Durststrecke, auf die ich die Jugendlichen vorbereiten muss.“

Die Problematik zeigt sich sogar, wenn viele Jugendliche gemeinsam unterwegs sind und nicht allein zuhause auf dem Handy „daddeln“. Torsten Lehmann (33), 2. Vorsitzender der Sportjugend Uelzen, berichtet der AZ von Erfahrungen auf der jüngsten Jugendfreizeit nach Scharbeutz (25. Juni bis 10. Juli). „Das ist ein sehr sensibles Thema. Wir erlauben erst seit drei Jahren, dass die Kinder und Jugendlichen Handys überhaupt mitnehmen dürfen“, erklärt Lehmann. „Die Neun- bis 15-Jährigen, die bei uns mitfahren, nutzen es – wie alle anderen Kinder und Jugendlichen auch – ja täglich. Da konnten wir uns dem Thema nicht mehr verschließen. Zudem haben wir auch einen eigenen Nutzen gesehen, zum Beispiel bei Ausflügen.“

"Man kann sie vom Bildschirm lösen."

Auch weiß der Betreuer, dass die Jungen und Mädchen nicht ganz vom Smartphone getrennt werden können. „Irgendein Spiel gibt es immer. Das, was früher die Pokemon-Karten waren, sind heute Handy-Games. Viele daddeln zum Beispiel so etwas wie ,Clash of Clans’. Obwohl mir das in diesem Jahr – im Vergleich zu den Vorjahren – eher weniger aufgefallen ist.“

Dazu machte das Organisationsteam diese besondere Erfahrung: „Nach einigen Tagen vergessen viele der Kinder, ihre Geräte wieder bei uns abzuholen. Man kann es also schaffen, sie vom Bildschirm zu lösen. Allerdings bieten wir ja auch eine sehr aktive Freizeit an“, berichtet Lehmann davon, dass die Kinder ihre Handys abends abgeben mussten und erst zum Frühstück wieder bei den Erwachsenen abholen konnten.

Jetzt scheint eine neue Welle losgetreten. Spiele wie „Pokémon Go“ zeigen eine Schattenseite der vermeintlich kostenlosen Handy-Spiele: Die App ist gratis, kann aber durch sogenannte In-App-Käufe – Erweiterungen des Spiels – auch mal ganz nebenbei zu hohen Kosten führen. Bis zu 99,99 Euro pro Zusatzfunktion kann man für „Pokémon Go“ ausgeben.

"20 Prozent der jungen Leute von Schulden betroffen."

Apps wie „Pokémon Go“ machen den Klienten von Schuldnerberater Clemens Jansen vom Caritasverband Uelzen/Lüchow-Dannenberg Sorgen: „Neben der klassischen Handy-Flat kommt häufig noch etwas oben drauf, das sind dann Kosten für Apps“, sagt er. „20 Prozent der jungen Leute unter 25 Jahren sind mit Sicherheit von Handyschulden betroffen.“ Die meisten lassen sich keine Einzelnachweise mit der Rechnung ausstellen, hat er festgestellt. Daher können sie dann nicht nachvollziehen, woher die Zusatz-Kosten auf der Handy-Rechnung kommen.

Wegen dieser Verschuldungsgefahr organisiert die Caritas in Schulen und anderen Einrichtungen Präventionsveranstaltungen. Jansen und seine Kollegen erklären den Teilnehmern, wie sie Schulden vermeiden können, was sie mit Smartphones machen dürfen und was strafrechtlich relevant wäre. Wegen der Schuldenfalle durch Spiele-Apps fordert er von den Entwicklern eine deutliche Nachfrage: „Wollen Sie die App kaufen?“ Und dann muss laut Jansen der Nutzer ganz klar sagen können: „Ja, ich will“.

Von Diane Baatani, David Schröder und Michael Koch

"Pokémon Go": Irre Monsterjagd mit Suchtpotenzial

Kommentare