Reale Welt trifft virtuelle Welt: Spieler treffen sich am liebsten in der Dunkelheit

„Pokémon Go“: Monsterjagd in Uelzens Nacht

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Haben sich beim Spielen in Uelzen kennengelernt: Björn Busack und Nele Eschenbach.

Uelzen. 23. 50 Uhr, Sonnabendnacht: Jagdzeit für Nele Eschenbach. Mit dem Smartphone in der Rechten wandert sie durch die Uelzener Bahnhofstraße. Seit Tagen tut die 18-Jährige das.

Manchmal acht Stunden am Stück pilgert sie auf der Suche nach virtuellen Pokémon-Monstern durch die Straßen. Zwölf Kilo habe sie dadurch abgenommen, sagt sie, und um der Touristenflut zu Hause in Cuxhaven zu entgehen ihr Revier spontan in die Heide verlegt.

Auf zum Ratsteich! Patricia Tank, Stefanie Kropp, Anatoli Wachner, Mark Rimmel und Michaela Braatz auf nächtlicher Pokémon-Suche in der Uelzener Innenstadt.

Mitternacht in Uelzen: Auch hier ist die Stadt voller Menschen – keine „Touris“, aber Spieler. Handys. Und Pokémon. Man wähnt sie plötzlich überall. Einbildung? Nein, meint Monir Houdhoud, der mit der lokalen Community über eine eigene Facebookseite zum Thema eng vernetzt ist. „Die Stadt lebt wieder. Die Leute sind wieder draußen – wie früher.“ Allerdings, muss er zugeben, seien die Menschen damals nicht im Spielwahn in den Gärten Fremder aufgeschlagen, hätten nicht mit dem Smartphone bei Nacht den Friedhof aufgesucht oder mit Bierbänken und Campingstühlen den Ratsteich bevölkert. Der Pokémon-Go-User nämlich weiß: An Sehenswürdigkeiten, wie der St.-Gertruden-Kapelle, wimmelt es nur so vor bunten Fantasiewesen.

Auch Nele Eschenbach ist auf dem Weg dorthin – zusammen mit Björn Busack, den sie über das Spiel kennengelernt hat. 23. Level, 140 Kilometer gelaufen seit Anfang Juli: ein echter Meister der Szene. Vor Spielstart sei er nie viel unterwegs gewesen, verrät er. Jetzt ist er bereits zehn Mal um den O-See gelaufen, weil aus den Eiern, die er mit seinen Pokémon mit sich herumträgt, erst nach einigen tausend Schritten ein neues Monster schlüpft und ihm die Visualisierung der Welt auf seinem Handy genau zeigt, wo es sich lohnt um einen besseren Pokédex zu kämpfen.

Tauboga flattert durch die Uelzener Bahnhofstraße.

Gerade noch war das Gespann in der Fußgängerzone auf Tauboga, ein vogelähnliches Geschöpf, getroffen. Wirklich gute Pokémon treffe man vielleicht einmal in der Woche, sagt Björn Busack. Der Fan überlässt aber nichts dem Zufall: Über drei Whats-App-Gruppen wird er auf dem Laufenden gehalten, wo gerade welches Monster in Uelzen zu finden ist, wenn er ihm selbst nicht nah genug ist, um es via Smartphone angezeigt zu bekommen.

Monir Houdhoud war einer der ersten im Pokémon Go-Fieber.

Weiter geht es durch die Innenstadt, vorbei am Rathaus, wo gerade Rattfratz Wache hält, und über die Ilmenau blickt. Dort ist so dunkel, dass Nele Eschenbach die Handy-Taschenlampe anstellen muss. Warum eigentlich die Nachtwanderung? Weil so spät die Serverausfälle seltener seien und dank gedimmter Displayanzeige der Akku länger halte, sagen die, die noch wach sind.

„Da ist Tim“, ruft Björn Busack plötzlich. Sein Kumpel grinst und antwortet: „Jo, Team rot“ – gemäß der unausgesprochenen Drei-Fragen-Regel unter Usern. Man nenne erst die Teamfarbe, unter der man spielt, dann Level und Pokédex, erklärt Tim Baumann. Am Ratsteich angekommen treffen die drei auf zirka 20 weitere Männer und Frauen zwischen 18 und 50 Jahren. Sie essen, quatschen, rauchen, spielen – die Gesichter in einen blass-blauen Schein gehüllt gehen die meisten hier, wie Tim Baumann, einem „Jugendtraum“ nach.

Das Handy vibriert: ein Dratini, informiert der 22-Jährige. „Das ist sogar ein Guter“, bemerkt Björn Busack und ist plötzlich weg. Verschwindet im Dunkeln der Nacht.

Von Anna Petersen

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