„Pflichten gröblich verletzt“

Uelzener Altenheim will demenzkranken Bewohner vor die Tür setzen

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Ein Uelzener Altenheim will einen demenzkranken 74-jährigen Bewohner vor die Tür setzen, weil er Pflegekräfte geschlagen haben soll.

Uelzen. Ein Uelzener Altenheim will einen demenzkranken 74-jährigen Bewohner vor die Tür setzen, weil er Pflegekräfte geschlagen haben soll. Doch die Familie des Seniors klagt dagegen. Jetzt beschäftigt der Fall das Landgericht Lüneburg.

Kommentar: Entlassen aus dem Altersheim

Die Betreuungseinrichtung sei gedacht für Betroffene aller Pflegestufen „sowie demenziell erkrankte Menschen“ – so wirbt das Uelzener Altenheim im Internet in eigener Sache. In einem besonders geschützten Bereich hat das Haus Plätze für Demenzkranke geschaffen, einer von ihnen ist der 74-jährige Wolfgang S. Er wohnt seit zwei Jahren dort. „Anfangs hat er sich schwer getan mit der Eingewöhnung, aber mittlerweile ist er angekommen“, so sein Sohn Michael, der zum Betreuer ernannt wurde.

Doch seit rund einem Jahr gibt es Probleme mit Wolfgang S.: Er soll mehrfach Pflegekräfte geschlagen und beleidigt haben, erklärte die Heimleitung und schickte gleich zwei Kündigungen: Die erste vom Juni vergangenen Jahres nahm man wieder zurück, die zweite vom September beschäftigt jetzt das Gericht. Darin wird die Räumung des Betreuungsplatzes verlangt. Wolfgang S. habe seine „Pflichten schuldhaft gröblich verletzt“, heißt es unter anderem in der Begründung.

Die Familie ist fassungslos, dass der 74-Jährige das Haus verlassen soll: „Wie kann ein Demenzkranker seine Pflichten gröblich verletzen?“, fragt der Sohn. Abgesehen davon bestreitet man wiederholte Gewaltausbrüche: „Es hat nur einen Vorfall gegeben, als mein Vater einer Pflegekraft im Streit um einen Pudding ins Gesicht geschlagen hat.“ Wolfgang S. sei im Anschluss sogar psychiatrisch untersucht und für nicht gewalttätig befunden worden.

Die Heimleitung verwahrt sich gegen den Vorwurf, den Bewohner abschieben zu wollen: „Wir betreiben unser Haus seit mehreren Jahrzehnten und hatten noch nie einen solchen Vorfall. Es war für uns eine schwierige Entscheidung und Abwägung. Letztlich haben wir aber auch eine Fürsorgepflicht für die Mitarbeiter“, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber der AZ. Außerdem habe man alternative Plätze in psychiatrischen Einrichtungen im Landkreis angeboten. In die Psychiatrie gehöre sein Vater aber nicht, widerspricht der Sohn und verweist auf die entsprechende Untersuchung.

Beim Gütetermin vor dem Landgericht ließ sich die Heimleitung durch ihren Anwalt vertreten – was den Anwalt der Familie erboste. Man könne sich nicht als Einrichtung für alle Pflegestufen und Demenzkranke bezeichnen und wenn es schwierig werde eine Kündigung aussprechen: „Sie picken sich die Rosinen raus.“

Das Gericht deutete derweil an, dass man eine gröbliche Pflichtverletzung durch Wolfgang S. nicht recht sehe. Eine Entscheidung soll am 7. Juli ergehen.

Von Thomas Mitzlaff

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