Verhandlung gegen Oskar Gröning (93) im Lüneburger Rittersaal / 55 Nebenkläger

NS-Prozess startet im April

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Anwalt Thomas Walther wird die Nebenkläger im NS-Prozess vertreten. Im vergangenen Jahr sprach er mit Uelzener Schülern über seine Arbeit.

dib/dpa Uelzen/Lüneburg. . Einer der umfangreichsten Prozesse der vergangenen Jahre beginnt am 21.

April vor dem Lüneburger Landgericht: Die Verhandlung gegen den 93-jährigen Oskar Gröning aus dem Heidekreis wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen im Konzentrationslager (KZ) Auschwitz. Als Freiwilliger der Waffen-SS soll er zwischen dem 16. Mai und 11. Juli 1944 wissentlich Spuren der Massentötung verwischt haben.

55 Überlebende und Angehörige von Ermordeten in Auschwitz haben sich mittlerweile als Nebenkläger dem Verfahren angeschlossen. Sie werden unter anderem von dem in Uelzen aufgewachsenen Rechtsanwalt Thomas Walther vertreten, der in der Uhlenköperstadt auch schon Vorträge über seine Tätigkeit als Mitarbeiter der „Zentralen Stelle zur Aufklärung Nationalsozialistischer Verbrechen“ in Ludwigsburg gehalten hat. Als die Staatsanwaltschaft Hannover im vergangenen September Anklage erhoben hatte, waren noch 24 Nebenkläger benannt. Seitdem meldeten sich immer mehr Angehörige unter anderem aus Ungarn, Israel, England und den USA, deren Geschwister oder Eltern im KZ ums Leben kamen, bei dem Team um Thomas Walther.

Wegen des überregionalen und internationalen Medieninteresses sowie der zu erwartenden Zuschauer wird der Prozess im großen Saal der Ritterakademie in Lüneburg stattfinden. 26 Termine sind für den Zeitraum bis Ende Juli angesetzt.

Oskar Gröning soll laut Anklage als Freiwilliger der Waffen-SS zwischen 1942 und 1944 der Kommandantur des KZ Auschwitz-Birkenau angehört haben (AZ berichtete). Zwischen Mai und Juli 1944 seien etwa 425 000 Menschen aus Ungarn im KZ eingetroffen, von denen mindestens 300 000 in Gaskammern gestorben seien. Gröning soll dabei geholfen haben, das auf den Bahnrampen im Lagerbereich Birkenau zurückgelassene Gepäck der Häftlinge wegzuschaffen.

Solche Verfahren Jahrzehnte nach der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau wurden möglich, weil die Justiz seit dem Urteil gegen den KZ-Aufseher John Demjanjuk 2011 nicht mehr darauf besteht, individuelle Schuld nachzuweisen.

Der NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg zufolge wurde im Zuge dieses Verfahrens die Rechtslage neu beurteilt. Es reicht aus, dass ein Beschuldigter dazu beigetragen hat, dass die Tötungsmaschinerie funktionierte – egal ob direkt als Aufseher bei den Gaskammern oder indirekt etwa als Koch.

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