Erst wird 93-Jährige in Uelzener Klinik mit Infizierter zusammengelegt, dann ihre Blutprobe vertauscht

Mit MRSA-Keimen auf einem Zimmer

+
MRSA-Keime sind gegen Antibiotika resistent. Kommen sie in Wunden, verzögern sie die Heilung. In schlimmen Fällen können sie zu Amputationen und zum Tod führen.

Uelzen. Martha K. (Name geändert) ist zurück in ihrem Altenheim im Süden des Landkreises. Eine stationäre Behandlung im Helios Klinikum Uelzen wegen Atemwegsproblemen hatte die fast 94-Jährige aus ihrem Heimalltag gerissen – ein Krankenhausaufenthalt, der ihre Angehörigen nicht loslässt.

Marthas Tochter und ihr Mann kommen nach den Erlebnissen der vergangenen Wochen zu einem verheerenden Urteil über Klinikgruppen wie Helios. „Unser persönlicher Eindruck ist, dass sich Aktiengesellschaften den Aktionären mehr verpflichtet fühlen als den Patienten“, sagen sie.

Mit MRSA-Patientin auf einem Zimmer

Gut vier Wochen ist es her, dass sich die Klinikgruppe Helios Vorwürfen ausgesetzt sah, beim Kampf gegen den multiresistenten Krankenhauskeim MRSA in niedersächsischen Einrichtungen Hygiene-Richtlinien nicht einzuhalten (AZ berichtete). In der Sendung „Hallo Niedersachsen“ des NDR wird seinerzeit dargestellt, dass Patienten, die den Keim in sich tragen, nicht grundsätzlich von anderen Patienten isoliert werden – anders als dies die Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt. Es sind jene Tage, in denen auch Martha K. ins Uelzener Helios Klinikum eingeliefert und mit einer Patientin auf ein Zimmer gelegt wird, die Trägerin des MRSA-Keims ist. Die Tochter erfährt dies erst, als ein Angehöriger der Zimmergenossin in Schutzkleidung zu Besuch erscheint und sie diesen darauf anspricht.

Marthas Tochter, bei Besuchen selbst ungeschützt, ist alarmiert, wendet sich wiederum an ihre Tochter, die Ärztin ist. Die Enkelin ruft noch am gleichen Tag in der Klinik an, spricht mit dem diensthabenden Arzt. „Ich hatte schon eine ziemliche Diskussion mit ihm“, schildert die Enkelin der AZ. Ihre Forderung: Die Großmutter müsse in anderes Zimmer verlegt werden, was dann auch geschieht.

Die Klinikgruppe Helios wehrt sich im März gegen die Vorwürfe des NDR, indem sie erklärt, dass die Isolation nur ein Teil des Maßnahmenbündels bei MRSA-Trägern sei und unter bestimmten Umständen gelockert werden könne. Im Fall von Martha K. verweist das Klinikum ebenfalls auf diese Möglichkeit. „Wir weisen darauf hin, dass grundsätzlich der behandelnde Arzt, nach Rücksprache mit der Krankenhaushygiene, festlegt, ob eine Isolierung eines MRSA-Patienten notwendig ist“, heißt es in einer Stellungnahme. Bei der Zimmergenossin habe es sich um eine bettlegerische Patientin gehandelt. Auch Martha K. sei immobil gewesen. „Im Rahmen der individuellen ärztlichen Risikoanalyse wurde daher das Risiko einer Keimübertragung zwischen zwei immobilen Patienten ausgeschlossen und die Maßnahmen der Kontaktisolation für ausreichend erachtet.“ Grundsätzlich gelte, dass Besucher keinen Schutzkittel oder Handschuhe tragen müssten, sie sollten sich aber beim Betreten und Verlassen des Zimmers die Hände desinfizieren.

„Unkontrollierbarer Weg des Keims“

Helios: „Das Risiko, sich als Besucher mit MRSA anzustecken, ist für gesunde Menschen nach dem heutigen Wissensstand und derartigem Vorgehen so gut wie ausgeschlossen.“ Ein Punkt, zu dem es in der Medizin unterschiedliche Auffassungen gebe, sagt die Enkelin. Ihre Sorge galt gar nicht so sehr, dass eine MRSA-Keim-Infektion zur Gefahr für die Großmutter werden könnte, sondern dass Martha K. den Keim als Überträgerin womöglich weitergibt. „Meine Großmutter kam aus dem Heim, ging wieder ins Heim mit älteren Menschen“, so die Enkelin. Der Keim könne einen unkontrollierbaren Weg nehmen, „und dann hat das Altenheim ein Problem.“

Die Unterbringung mit einer MRSA-Patientin in einem Zimmer ist es nicht allein gewesen, die die Tochter von Martha K. und ihren Mann zu ihrem harten Urteil über Klinikgruppen kommen lässt. Der fast 94-Jährigen wird nach ihrer Verlegung im Krankenhaus ein Antibiotikum verabreicht. Blutwerte seien ausschlaggebend gewesen, heißt es gegenüber den Angehörigen. Aber als die Enkelin Einsicht in die Krankenakte nimmt, zeigt sich: Da kann etwas nicht stimmen. Im sogenannten Kumulativ-Befund, in dem die Ergebnisse von den Blutproben nebeneinander aufgeführt seien, hätten sich bei der letzten Untersuchung starke Unterschiede zu den vorherigen gezeigt, schildert die Enkelin. Und zwar bei Bereichen, die einem zu denken geben müssten. „Das hätte ein Assistenzarzt im ersten Jahr sehen müssen, dass da was nicht hinhaut“, spart die Angehörige, selbst Ärztin, nicht mit Kritik. Es stellt sich heraus: Blutproben wurden vertauscht.

Fast 94-Jährige erhält unnötig Antibiotikum

Der Patientin ist bedauerlicherweise ein falscher Blutlaborwert zugeordnet worden, erläutert die Klinik gegenüber der AZ. Das Krankenhaus gehe davon aus, dass ein Mitarbeiter versehentlich mit einem Blutröhrchen, das mit dem Etikett von Martha K. versehen gewesen sei, bei einem anderen Patienten Blut abgenommen habe. So sei es dazu gekommen, dass Martha K. ein Breitband-Antibiotikum erhalten habe. „Nebenwirkungen wurden bei ihr nicht beobachtet.“

Die Klinikleitung hat sich inzwischen für die Verwechslung bei den Angehörigen entschuldigt – bei einem Gespräch, zu dem Helios einlud, nachdem die Angehörigen sich bei der AZ meldeten. Gegenüber der AZ erklärt die Klinik, dass die Abläufe bei Blutentnahmen überprüft und das Personal geschult worden sei. „Labormeldungen über Ungereimtheiten gehen bis auf Weiteres alle in CC an die ärztliche Direktion“, heißt es.

Die Angehörigen mag das nicht beruhigen. In ihrer Familie gebe es medizinisches Wissen, um die richtigen Fragen zu stellen, sagt die Enkelin. Aber was sei mit Familien, in denen das nicht der Fall sei? „Dann sind doch gerade ältere Menschen aufgeschmissen.“

Von Norman Reuter

Mehr zum Thema

Kommentare