Vorsitzende von „Kinder in Not“ wegen gewerbsmäßiger Untreue vor Gericht

Die Mitleids-Masche

Mehrfach erhielten die Sammler in Uelzen Platzverbot.

Uelzen/Lüneburg. Als die Kamerateams in Saal 121 des Landgerichts Lüneburg stürmen, verbirgt Cornelia D. ihr Gesicht minutenlang hinter einem Schnellhefter. Jürgen W. , der gemeinsam mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin auf der Anklagebank sitzt, ist weniger schüchtern.

Forsch blickt er in die Kameras, kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Am 12. August musste der 48-Jährige sein Bett im stattlichen Bardowicker Einfamilienhaus mit einer Pritsche in der Justizvollzugsanstalt tauschen. Der 2. Vorsitzende des zwischenzeitlich aufgelösten Vereins „Kinder in Not“, der statt an bedürftige Kinder vor allem an den eigenen Geldbeutel gedacht haben soll, sitzt derzeit in Untersuchungshaft.

Gestern zum Prozessauftakt vor dem Landgericht ist der Medienrummel gewaltig. Schließlich hatte Jürgen W. sein Team in halb Norddeutschland und Nordrhein-Westfalen in die Fußgängerzonen geschickt, um im lustigen Clownkostüm für vom Schicksal gebeutelte Kinder zu sammeln. Auch in Uelzen waren die Männer in knallgelben Latzhosen oder dunkelblauen Jacken mehrfach präsent – und viele Menschen steckten Münzen oder sogar Scheine in die Sammeldosen.

52 Fälle von gewerbsmäßiger Untreue wirft die Staatsanwaltschaft Cornelia D. vor, 62 Fälle sowie die Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung ihrem früheren Lebensgefährten.

Laut Anklage sollen die beiden seit 2007 zunächst als Vorsitzende des Vereins „Kinder in Not“ und anschließend von „Gegen Kinderarmut“ selbst und durch andere Sammler Spenden für körperlich, geistig oder seelisch benachteiligte Kinder, die auf andere angewiesen waren, gesammelt haben. So steht es zumindest in der Vereinssatzung. Weiter ist in den Statuten zu lesen, dass Mitglieder keine Mittel aus der Vereinskasse erhalten sollten.

Tatsächlich aber ging laut Anklage schon die Hälfte der gesammelten Gelder an die Drückerkolonnen. Beim Rest hätten D. und W. es bewusst unterlassen, das Geld auf das Vereinskonto einzuzahlen. Auch eine ordungsgemäße Buchführung sei bewusst unterlassen worden, damit die beiden die Gelder auch für eigene Zwecke ausgeben konnten, so der Staatsanwalt. Mindestens 116 000 Euro seien so veruntreut worden. Gegenüber dem Gerichtsvollzieher hatte Jürgen W. dann an Eidesstatt erklärt, über keinerlei Einnahmen zu verfügen, sondern lediglich 800 Euro Taschengeld monatlich von den eigenen Eltern zu bekommen.

Da die Beweisführung aufwändig ist, drohte ein Mammutprozess mit bis zu 50 Verhandlungstagen. Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung führten deshalb vorab schon einmal ein Rechtsgespräch, um die Positionen und „Erwartungen“ abzustecken. So hielten die Verteidiger die Argumentation der Anklage für fragwürdig, das Oberlandesgericht Celle bestätigte allerdings den Haftbefehl. Nächster Prozesstag ist am 20. September.

Von Thomas Mitzlaff

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